Liebes Haus

Liebes Haus

Im Spätsommer befällt mich eine seltsame Melancholie.

Die Felder sind gemäht und abgeerntet. Die Apfelbäume scheinen gebeugt unter ihrer schweren Last. Der Nebel kehrt zurück in den Thurgau.

Wenn ich frühmorgens zur Arbeit fahre, sehe ich den Fuchs oder Rehe am Waldrand. Die Natur bäumt sich in ihrer Fülle nochmals auf, um dann, in ein paar Wochen mit bunten Farben den Herbst einzuläuten.

Ich fahre durch den Thurgau und sehe, wie alles verbaut wird und wie meine geliebten Apfelbaumplantagen der Säge zum Opfer fallen. Ich habe Sehnsucht nach dem Toggenburg, nach Dir, mein liebes, gelbes Haus.

Manchmal kommts mir vor, als müsste ich all die Last der letzten Monate auf mich nehmen, nur damit ich am Ende mit Dir und in Dir sein kann. Die Monate vergehen und ich warte und werde älter.

Ich denke, und das mag überheblich sein, dass ich dich verdient habe. Ich war für meine Grosseltern da und habe Omi immer geholfen. Ich war für meine Mutter da und hab sie bis zur letzten Minute begleitet. Ich lege den Weg zwischen Frauenfeld und Toggenburg zurück und bereue jede Minute, die ich so vergeude. Ich opfere meine rare Freizeit für die Landschaftsgestaltung und das Räumen des Hauses.

Doch in Wirklichkeit ist das alles nichts wert.

Das liegt nicht mal an der Behörde, sondern an unserem gottverdammten Erbrecht. Ich bins leid, zu beweisen, was ich gemacht habe. Ich will endlich meinen Frieden. Ich will endlich in Dir leben, meine freien Abende mit Omi verbringen und nicht hier, im Thurgau darauf warten, dass man irgendwann im Toggenburg ja zum Kauf des Hauses sagt.

Unsere Gesetze sollen ein Schutz für die Menschen sein. Doch in Wirklichkeit sind sie eine Hürde für Menschlichkeit. Diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen, beissen am Ende ins Gras. Freiwilligenarbeit wird hoch gehalten und am liebsten würde man gerade in der Pflege wohl alle gratis arbeiten lassen. Wer selber pflegt, ist dumm.

In der Schweiz, so schwer es mir fällt das zu sagen, kommt man besser durch, wenn man ein faules, selbstgefälliges, blödes Arschloch ist. Man fährt besser, wenn man seine Angehörigen im Stich lässt und nach deren Tod die hohle Hand macht. Das einzige, was in diesem Land zu zählen scheint, ist Geld und ich hoffe, dass jeder, der solche Gesetze durchwinkt und auch noch stolz darauf ist, beim Scheissen vom Blitz getroffen wird.

Liebes Haus, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.

Heute abend werde ich den Brief schreiben und ja sagen zu diesem Kaufpreis in der Hoffnung, dass ich wirklich an Weihnachten an meinem Herzensort, in Dir, wohne.

Alles Liebe und einen schönen Herbst

Deine Zora

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Warten.

Seit vier Wochen warte ich auf den Bescheid, was den Hauskauf betrifft. Die Zeit verrinnt. Sand zwischen meinen Fingern. Nichts passiert.

Ich weiss es; Geduld ist nicht meine Stärke.
Doch vier Wochen ohne eine Nachricht ist zermürbend.
Mein Leben scheint still zu stehen.
Es scheint die Betreffenden nicht zu kümmern.
Nichts ist wichtig.

Inzwischen ist es Spätsommer geworden. Noch vor einem halben Jahr hing ich der Illusion nach, jetzt mit dem Umbau zu beginnen. Doch ich besitze nichts. Die Küche ist leer. Der Keller schimmelt.

Ich arbeite. Atme. Schreibe.
Meine Freizeit investiere ich in das Haus, das mir nicht gehört und von dem ich nicht mal weiss, ob ich je drin wohnen werde.
Gottes Mühlen mahlen langsam, so sagt man.
Ich zweifelte immer dran. Ich glaube nicht an Gott.

Stattdessen reisse ich die Kalenderblätter ab. Warte. Es wird Herbst. Es wird kalt und nichts geschieht. Wut verkneife ich mir. Ich berufe mich auf mein Gerechtigkeitsgefühl, welches aber hier nichts zählt.

Zuversicht, sagt mein Herz. Druck aufsetzen, sagt mein Kopf. So nicht. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu warten. Von Freiheit ist hier keine Spur. Ich bin nicht mehr als eine Nummer.

Der Geruch des Fortgehens

Ich räume Paulas Haus. Es geschieht ohne Eile. Im ganzen Haus riecht es nach Mottenkugeln und Weichspüler. Schimmel. Holz. Fenjal Seife.
Anders als vor sieben Jahren, als ich die Wohnung meiner Mutter leeren musste, bleibt mir hier die Wahl.

Ich erinnere mich an die verdorbene Suppe, die ich wegleeren musste. Sie war das letzte, was meine Mutter sich noch selber gekocht hat, bevor sie bewusstlos wurde. Beim Aufräumen hoffte ich so sehr, dass ich ihr Rezept für Voressen finden würde. Ich wollte so gerne wissen, was sie alles hineingetan hat in dieses Essen, das ich so sehr liebte.

Doch das Rezept bleibt verschwunden, existiert nur noch in meiner Erinnerung.

Es tat mir weh, einen Teil ihrer Habe in Müllsäcken zu entsorgen. Ihre Kleider konnte ich lange nicht wegwerfen. Ich bunkerte alles in Kisten in meinem Keller. Alles roch nach ihr. Nach Rauch und nach Traurigkeit. Sie bat mich, ihre kleinen Figurinen zu behalten, nicht wegzuschmeissen. Das hab ich bis heute getan. Ich finde sie allesamt hässlich, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzutun.

Es fiel mir schwer, mitanzusehen, wie meine Mutter langsam abgab. Dieser Rückzug in sich selbst, diese Bescheidenheit, die Freude an kleinen Dingen. Ich beobachte es auch an Paula. Vielleicht braucht es gar keine so grossen Mühen im Leben. Keine Ratgeber fürs Ordnung halten. Am Ende geht man mit leeren Taschen. Der Nippes bleibt zurück.

Ich habe eine Packung ihrer Zigaretten behalten. Mary Long. Sie rochen nach ihr. Jetzt zerbröseln sie langsam. Es scheint, als wäre sie nie dagewesen.

Freunde verlieren

In meinem Leben herrschen die männlichen besten Freunde vor. Ich mag Männer. Sie sind witzig, manchmal bärtig, sensibel und oft unsicher, was Frauen angeht. Ich verlor einige von ihnen.

Da war N. Er war mein Kindergartenschatz. Schon mit sechs Jahren wusste ich: das ist einer, den du irgendwann heiraten kannst und mit dem du Kinder hast. Er wird eine Schaukel bauen, die Waschmaschine reparieren und macht dich glücklich.
N. war katholisch. Schon in der ersten Klasse war mir klar: der heiratet dich wohl eher nicht. Dann zogen wir weg.
Einige Jahre später, ich war mit meinem Töffli unterwegs ins Toggenburg zu meiner Oma, machte ich am Friedhof Halt, um meinen Bruder zu besuchen. Ich wandelte immer sehr gerne über die Wiesen und die Gräber. Besonders der katholische Teil hat mir immer sehr gefallen, weil so viele Gräber mit Bildern der Toten geschmückt waren.
1995. Ich erinnere mich noch, wie wenns gestern gewesen wäre, stand ich plötzlich vor N.’s Grab. Mir kam alles wieder in den Sinn. Unsere Streiche. Der Tintenfischbaum. Sein liebes Gesicht. Ich begann zu weinen.

Vor bald drei Jahren starb O. Er war mir in meiner Teenagerzeit ein verlässlicher Freund. Ich weiss nicht mal, warum wir uns aus den Augen verloren. Wir hatten nochmals kurz vor seinem Tod Kontakt. Er schien mir unsagbar alt geworden. Ich erkannte ihn fast nicht mehr. Er hat sich selber getötet. Ich fühlte mich schuldig, weil er mir in meinem verrückten Zeiten soviel Ruhe geschenkt hat. Doch in seiner Not konnte ich nicht helfen. Das zu akzeptieren fiel und fällt mir schwer. Ich vermisse ihn, sein Lachen, seine feine Tenorstimme und sein Gesicht noch heute.

D. und ich stritten. Ich mochte ihn gern, obwohl wir wie Feuer und Wasser, Hund und Katz, Himmel und Erde waren. Seine Stimme hallt noch jetzt in meinem Ohr und manchmal weine ich einfach aus heiterem Himmel, weil ich ihn so vermisse.
Wir unterstützten uns mit Rat bei familiären Angelegenheiten. Dann stritten wir wieder. Er hat mich ermutigt, meine Schreibe zu veröffentlichen.
Doch dann hatten wir Streit.

Wir reden nicht mehr miteinander. Ich leide weniger, seit wir keinen Kontakt mehr haben. Ich vermisse ihn. Ich würde ihn so gerne vieles fragen. Ihm erzählen, wies Paula geht. Wie wir das Haus wieder auf Vordermann bringen. Stattdessen schreibe ich jede Frage in mein Tagebuch in der Hoffnung, dass ich die Antworten in mir selber finde.

Mein Bruder und ich

Ich frage mich oft, was wäre, wenn mein Bruder Sven noch leben würde. Diesen September würde er 35 Jahre alt werden.

Er war noch ein Baby, als er starb. Sein nicht gelebtes Leben macht mich unsagbar traurig. Was hätte er alles erleben können? Wie hätte er ausgesehen?Hätte er rotes Haar gehabt?

Einen Bruder zu haben, der sein Leben nur kurz gelebt hat, ist eine Bürde. In jedem Mann seines Alters suche ich sein Gesicht. Welchen Beruf er wohl ergriffen hätte? Wäre er Landmaschinen-Mechaniker geworden? Jurist? Förster? Autor?

Mit 19 dachte ich oft daran, wie wir uns gestützt hätten. Er hätte mich getröstet, wenn ich unglücklich verliebt war. Ich hätte ihm Mut zugesprochen, wenn er in der Schule ein Problem gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wir uns auch sehr oft gestritten, denn dafür sind Geschwister schliesslich da.

Bestimmt hätte er mich an die Beerdigung unserer Mutter begleitet. Diesen letzten Weg hätten wir Kinder alle gemeinsam auf uns genommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Doch ich kann dieses „hätte“ und „würde“ nicht mehr sehen. Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Wütend auf dieses Baby, das nie gelebt hat und einfach starb. Auf Babies darf niemand wütend sein. Auf das Schicksal und den lieben Gott schon.

Manchmal denke ich, dass sein Tod so vieles zerstört hat. Ohne ihn ist alles anderes. Trotzdem haben wir uns noch. Wir leben. Warum bloss reisst der Tod eines drei Tage alten Kindes eine so tiefe Schneise in unsere Familie?

Beim Räumen in Paulas Haus fand ich Svens Geburtsanzeige. Sie gleicht der meinen. Die Eltern freuen sich, die Geburt ihres ersten Sohnes bekannt zu geben. Ich weiss nicht mal, ob diese Karte jemals abgeschickt wurde. Denn der Tod trat drei Tage nach der Geburt ein. Schliesslich fand ich seine Todesanzeige. Tod des Kindes. Eltern. Schwester. Grosseltern. Alle erschüttert. Noch heute.

Auch in Paulas Erinnerung ist sein Tod tief eingegraben. Sie nennt ihn den Schutzengel, hofft, dass sie ihn, ihre Eltern und ihre Tochter irgendwann wieder sieht.

Ich bin gespalten. Ich glaube nicht an das Jenseits. Da hab ich keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mir steht der Sinn nach Klarheit. Ich will wissen, wie und warum er gestorben ist. Das gibt mir Frieden und nichts anderes.

Mein Herz in St. Gallen

Gestern durfte ich in St. Gallen zwei meiner Texte am Fest des Kulturmagazins Saiten vorlesen. Ich war aufgeregt.
Und wurde wehmütig. Zu gerne hätte ich meine Mutter und Omi hier gehabt. Wäre meine Mutter stolz auf mich gewesen?

Wenn ich an St. Gallen denke, kommt mir jene Stadt aus den 80ern vor mein Auge. Ich erinnere mich an jene seltsame Maestrani-Installation im Bahnhof. Wenn Omi und ich an die Olma gingen, blieb ich immer sehr lange stehen. Ich war fasziniert davon. Der Jahrmarkt. Die Riitschuel. Die vielen Gerüche. Halle 7. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen.

St. Gallen ist aber auch der Ort, an den meine Schwester notfallmässig eingeliefert wurde, als sie einen Fieberkrampf erlitt. Obwohl dies schon dreissig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an die Angst meiner Mutter, den leblosen Körper meiner Schwester.

In St. Gallen wurde ich vor bald zwanzig Jahren am Kiefer operiert. Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt. Ich litt Schmerzen und ich verlor meinen Geschmackssinn. Der Sommer aber war sehr heiss.

Später begleitete ich Paula zu ihrem Orthopäden nach St. Gallen. Wir marschierten keine weiten Strecken mehr. Jetzt führe ich Omi an der Hand, so wie sie mich als Kind an der Hand genommen hatte.

Vor über zwei Jahren erfuhr ich, dass Anna Aerne, meine Urgrossmutter, 1947 an ihrer Brustkrebserkrankung im Spital in St. Gallen verstorben ist. Als ich vor zwei Wochen ihre Todesanzeige fand, man stelle sich vor, ein Blatt Papier, das über 65 Jahre alt ist, wusste ich auch, dass sie in St. Gallen beerdigt wurde. Sie liegt nicht auf dem selben Friedhof wie alle anderen meiner Familie.

Ich las keinen ernsten Text in St. Gallen vor. Mir stand der Sinn nach Lebensfreude. Traurig sein kann ich auch morgen noch.

Mutterfarben

Wenn ich durch Frauenfelds Strassen fahre, denke ich an meine Mutter. Ihr liebes Gesicht fehlt mir. Ihre Stimme. In Gedanken sehe ich sie, wie sie läuft, grossgewachsen und dennoch leicht gebückt, mit kurzem Haar. In der Hand hält sie eine rote Denner-Tasche. Darin transportiere sie ihre Weinschlegel.

Immer trug sie bunte Oberteile, so als könnten nur Farben ihrem Lebensgefühl Form verleihen. Weisse Pullover mit roten Streifen. Regenbogenfarben. Nur ja kein braun, grau oder schwarz.

Meine Mutter war am Ende ihres Lebens keine schöne Frau mehr. Dennoch sehe ich auf den Photos, die mir geblieben sind, einen Menschen mit warmherzigen Augen und höre ihre Stimme. Ihr Dialekt, eine Mischung aus Thurgauer und Toggenburger Mundart, ihr Kichern werde ich nie vergessen.

Ich muss dran denken, wie ich vor sieben Jahren verzweifelt war. Ich bin es heute nicht mehr. Trotz des Leides durfte ich die Erfahrung machen, dass ich nicht alleine bin. Da waren so viele Leute. Besonders berührt hat mich die Fürsorge meines Vaters und seiner Frau.

Meine Mutter war kein Engel gewesen. Sie war nach der Scheidung wütend. Sie beschimpfte Menschen und machte aus ihren Gefühlen und ihrer Verletzung keinen Hehl.

Wenn ich an Mutters Wohnung vorbei fahre, werfe ich einen Blick hinauf zu jenen Fenstern, die heute geschlossen sind. Ich sehe ihr Gesicht, ihr Winken und winke zurück, obwohl da niemand mehr ist.