Der Geruch des Fortgehens

Ich räume Paulas Haus. Es geschieht ohne Eile. Im ganzen Haus riecht es nach Mottenkugeln und Weichspüler. Schimmel. Holz. Fenjal Seife.
Anders als vor sieben Jahren, als ich die Wohnung meiner Mutter leeren musste, bleibt mir hier die Wahl.

Ich erinnere mich an die verdorbene Suppe, die ich wegleeren musste. Sie war das letzte, was meine Mutter sich noch selber gekocht hat, bevor sie bewusstlos wurde. Beim Aufräumen hoffte ich so sehr, dass ich ihr Rezept für Voressen finden würde. Ich wollte so gerne wissen, was sie alles hineingetan hat in dieses Essen, das ich so sehr liebte.

Doch das Rezept bleibt verschwunden, existiert nur noch in meiner Erinnerung.

Es tat mir weh, einen Teil ihrer Habe in Müllsäcken zu entsorgen. Ihre Kleider konnte ich lange nicht wegwerfen. Ich bunkerte alles in Kisten in meinem Keller. Alles roch nach ihr. Nach Rauch und nach Traurigkeit. Sie bat mich, ihre kleinen Figurinen zu behalten, nicht wegzuschmeissen. Das hab ich bis heute getan. Ich finde sie allesamt hässlich, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzutun.

Es fiel mir schwer, mitanzusehen, wie meine Mutter langsam abgab. Dieser Rückzug in sich selbst, diese Bescheidenheit, die Freude an kleinen Dingen. Ich beobachte es auch an Paula. Vielleicht braucht es gar keine so grossen Mühen im Leben. Keine Ratgeber fürs Ordnung halten. Am Ende geht man mit leeren Taschen. Der Nippes bleibt zurück.

Ich habe eine Packung ihrer Zigaretten behalten. Mary Long. Sie rochen nach ihr. Jetzt zerbröseln sie langsam. Es scheint, als wäre sie nie dagewesen.

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