Zu früh. Doch Gottes Wille.

Diese Karte fand ich im Haus meiner Oma.
Sie hat mich entsetzt.

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Zu früh. Doch Gottes Wille.
Man könnte, wie mir jemand geraten hat, Gottes Wille durch „Schicksal“ ersetzen. Doch das steht da nicht.

Die Karte wurde versendet mit einem vermeintlichen Trost. Die Karte war an meine Oma adressiert. Den Absender kenne ich leider nicht. Grosse Wut steigt in mir hoch, wenn ich diese Worte lese.
Meine Mutter starb mit 56. Gottes Wille, dass sie in diesem Alter starb? Wohl eher nicht. Sie starb an einer Leberzirrhose, nachdem sie über Jahre hinweg versucht hat, ihren Lebenskummer mit Alkohol zu betäuben.

Ich glaube nicht an Gott.
Der Glaube kam mir abhanden, nachdem ich mitbekommen habe, wie schwer meine Eltern am Tod meines Bruders getragen haben. Gottes Wille? Dass ein Säugling stirbt? Wer bitte ist schuld daran?

Meine Mutter gab sich über Jahrzehnte lang die Schuld am Tod meines Bruders. Man hat es ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie als Mutter die Verantwortung für sein (Über-)Leben trug und versagt hat. Sie ist daran zerbrochen. Über Jahrzehnte hinweg hat sie versucht, sich an seinem Todestag das Leben zu nehmen. Sie hat geweint. Da war kein Gott und erst recht kein Mensch an ihrer Seite, der sie hätte trösten können.

Die Gottes-Keule ist ein super Mittel, trauernden Menschen so richtig eins reinzuhauen. Jemandem so, der gerade einen Menschen auf grauenvollste Art und Weise verloren hat, mit Gottes Willen zu kommen und dass alles bestimmt einen Sinn hat, ist unverschämt und pervers.

Nachtrag: Hass macht krank. Ich versuche, nur wütend zu sein. Der Song hier hilft. Danke, lieber Freund!

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3 Gedanken zu “Zu früh. Doch Gottes Wille.

  1. Die „Sprüche“ auf den Kondolenzkarten sind von Menschen gemacht.
    Sie drücken die Hilflosigkeit der Menschen aus, Worte zu finden.

    Manche sind gut und hilfreich.
    Andere erzeugen Wut.

    Das Deiner Mutter der plötzliche Kindstod Deines Bruders angelastet wurde und damit ihr Leben noch mehr zerstört wurde (als allein durch den Tod des Sohnes), liegt in der Verantwortung von Menschen.

    Ich bin kein „so richtig“ gläubiger Mensch ………… aber meine Gedanken dazu sind

    – Gott will das Schlechte nicht
    – er lässt den Menschen die Wahl
    – er ist aber auch nicht alleinig verantwortlich für das Gute
    – er lässt den Menschen die Wahl

    Am besten hilft bei all diesen Karten (derer ich so viele erhalten habe), die Hilflosigkeit und Wortlosigkeit der Menschen zu akzeptieren und vielleicht auch zu verstehen.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich stimme dir aus ganzem Herzen zu: Gott den Tod eines Menschen – deiner Mutter, deines Bruders, irgend eines Menschen – anzuhängen, ist wohl falsch oder zumindest stark vereinfacht. Ist, wie Anita schreibt, eine Formel von Menschen für Menschen, als Trost gedacht. Und das ist es in der Tat sehr, sehr oft. Dann, wenn Menschen sich selbst die Schuld geben (ohne sie zu haben), dann, wenn sie an der Frage „warum“ zu scheitern drohen, kann es entlastend sein, die Verantwortung einem anderen, einem Gott zuzuschieben. Entlastend heißt dann, dass diese Menschen die Last abgeben und befreiter weiter gehen können, im Leben.

    Ich glaube. Und ich glaube nicht, dass Gott unser Leben bis ins Kleinste plant. Ich bin Anitas Meinung. Vor allem: gerne wird Gott die Schuld an all dem Bösen auf der Welt gegeben. Und sehr selten die Verantwortung für all das Schöne, Gute. Das passt kaum zusammen. Aber das Gute können wir eben auch selbst voll tragen und ertragen 🙂 .

    Mein Vater starb, als ich 12 Jahre alt war. Seitdem trage ich die Verantwortung für meine Mutter, die inzwischen dement ist uns sehr schwierig im Umgang. Ich gebe Gott keine Schuld, aber ich lehne mich an ihn an, um Kraft zu tanken für meinen Alltag.

    Liebe Grüße,
    Marie
    mariebastide.wordpress.com

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