Demenz und Glauben

Vor einigen Wochen durfte ich einen kurzen Text für den ebenfalls für einen Grimme Online Award nominierten Blog „Woran glauben?“ des Bayerischen Rundfunks schreiben. Die Begegnung mit den Macherinnen des Blogs an der Feier Ende Juni war für mich ein echtes Highlight.

Sehr gerne verlinke ich darum hier den Text von Leonie.

Die Frage mit dem Glauben, wenn man an Demenz erkrankt ist, beschäftigt mich. Ist meine Oma glücklich? Hat sie ihren Herrgott in sich? Fühlt sie sich manchmal verlassen?

Der Radius wird klein(er)

Seltsames Gefühl, in einigen Tagen Omis Möbel, die sie nicht mehr braucht, aus dem Altersheim abzuholen. Was ich schon bei meiner Mutter Sterben beobachtet habe, nämlich das Kleinerwerden des Radius, bemerke ich nun auch bei meiner Oma.

Omi Paula liebte das Reisen immer sehr. Rom. Lourdes. Berlin. Zürich. Luzern. Irgendwann schafften wir es nur noch bis St. Gallen. Frauenfeld. Wattwil. Dann wurde auch das zu weit. Das Einkaufen übernahm mit einem Mal ich. Oma schaffte es nicht einmal mehr bis zum kleinen Dorfladen.

Oma liebte ihr Haus immer so. Die vielen Zimmer hat sie mit Inbrunst geputzt und instand gehalten. In den letzten Jahren, während sie noch im Haus lebte, wurde auch dieser Radius immer geringer. Sie zog vom Dachgeschoss in Opas altes Schlafzimmer und lebte irgendwann nur noch in Küche, Bad und Schlafzimmer.

Ähnlich verhält es sich nun im Pflegeheim. Schwierig genug, mit Oma einige Möbel auszuwählen, die sie „mitnehmen“ will. Jetzt, anderthalb Jahre später braucht sie sehr viel weniger. Die Möbel und der Besitz haben ihre Wichtigkeit verloren, sie lenken sie nur ab.

Ich weiss nicht, was ich denken soll. Es ist irgendwie beruhigend, dass am Ende des Lebens Besitz von Dingen nicht mehr wichtig ist. Wie wird es wohl sein, wenn ich sterbe?

Zusammenleben im Pflegeheim

Heute wurde ich vom Pflegeheim angerufen. Ich erlebe jedes Mal einen Schreckmoment. Das Gefühl lässt sich vergleichen mit jenem vom Oktober 2007. als ich täglich damit rechnete, dass meine Mutter stirbt.

Die Pflegende klingt aber aufgestellt und das lässt mich hoffen. Zum Glück ist meine Omi Paula wohlauf. Das beruhigt mich sehr. Frau Z. erklärt mir in kurzen Worten, dass Omi mit einer anderen Bewohnerin zusammenziehen könnte. Sie schildert mir, dass die beiden gut auskommen, viel miteinander reden und die andere Bewohnerin jahrelang eine Zimmergenossin hatte. Sie fragt mich, ob ich damit einverstanden sei.

Ich stutze für einen Moment.
Aus meinem eigenen Berufsalltag weiss ich, welche Ängste bei Angehörigen entstehen, wenn ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder mit einem fremden Menschen zusammen wohnen müssen. Nun bin ich für einmal selbst in der Situation, dazu etwas sagen zu müssen.

Für mich ist wichtig, wie Paula dazu steht. Wie soll ich entscheiden können, was für sie richtig ist?
Natürlich haben die Pflegenden das miteinander besprochen und auch mit den beiden Bewohnerinnen. Die beiden können sich das vorstellen.

Die Pflegende schildert mir, wie die beiden Frauen auch tagsüber miteinander Zeit verbringen. Offenbar ist es kein Problem, dass meine Oma phasenweise sehr viel redet.

Ich muss mit einem Mal daran denken, wie meine Schwester und ich mit Oma in der Dachkammer übernachtet haben. Wir haben uns jeweils immer Gutenachtgeschichten erzählt. Wir drei hatten verschiedenste Rollen und quasselten bis tief in die Nacht. Das war schön. Ich wünsche mir, dass meine Oma nicht alleine sein muss.

Der Brief

Meine Recherchen im Haus sind nicht immer fröhlicher Natur.
Als ich gestern die Stube räumte, fiel mir ein Block mit einem Briefentwurf in die Hand. Meine Oma muss ihn 1980, drei Jahre nach meiner Geburt und nur einige Monate nach dem Tod meines Bruders, verfasst haben. Ich gebe ihn hier sinngemäss wieder.

Meine liebe Tochter

wir danken Dir so sehr, dass du vor drei Jahren unsere Enkelin, unseren Sonnenschein, geboren hast. Du glaubst nicht, wie dankbar wir dafür sind und welchen Lebensmut Du in uns wieder entfacht hast.

Manchmal fürchte ich, du denkst, wir haben dich seit ihrer Geburt weniger lieb. Aber dem ist nicht so. Du bist unsere einzige, über alles geliebte Tochter. Du bist alles für uns. Wir lieben dich so sehr.
Dein Vater und ich wünschen Dir alles denkbar Gute für dich.

Die letzten Monate waren so schwer für Dich.
Lass uns all das Böse vergessen.
Du musst leben. Du hast eine Tochter, einen lieben Mann und Eltern, die Dich lieben. Ich hoffe und bete so sehr, dass du wieder Mutter wirst und all Deine Sorgen vergessen kannst.

Es lieben dich sehr

Deine Eltern

Ich stand da und mir fielen die Tränen ins Gesicht. Ich weiss nicht mal, ob Oma diesen Brief je abgeschickt hat. Ich hoffe es so sehr. Über das Böse musste ich nachdenken. Ich weiss, dass meine Mutter geschlagen wurde. Kam all dies wieder herauf, als meine Mutter meinen Bruder verlor? Was ist sonst noch passiert, was niemand mehr weiss? Fragen über Fragen und keine Antworten.

Auf den Spuren der Urgrosseltern

Henri und Röös waren bestimmt 30 Jahre verheiratet. Sie waren beide bei der Hochzeit nicht mehr die Jüngsten. Henri war verwittwet und von Röös weiss ich nur, dass sie vorher bereits einmal verheiratet gewesen war.

Wenn ich Bilder von ihnen beiden ansehe, fühle ich mich immer sehr wohl. Die beiden erinnern mich an Sascha und mich selber. Sie sehen verschmitzt aus. Trotz ihres hohen Alters waren gemeinsame Zärtlichkeiten kein no-go. Die beiden haben sich gern, kein Zweifel.

Photoprojekt 4.Juli 2014 (11)

Uroma Röös war offenbar mit einem grünen Daumen gesegnet. Unter ihren Händen blüht alles.

Photoprojekt 4.Juli 2014 (5)

Ihr Lieblingsplatz war ganz klar die Terrasse. Besonders im Sommer ist es da schön sonnig und gleichzeitig windig. Die beiden sassen sehr gerne da.

Photoprojekt 4.Juli 2014 (2)

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn ich das Haus betrete. Hier haben sie alle gelebt, meine Urgrosseltern und meine Grosseltern. Wenn ich die alte Bank ansehe, erinnere ich mich an schöne Stunden. Heute ist die Bank fast verrottet und nur noch Röteli, Omas Gastkatze, sitzt darauf.

20140704_105148[1]

Aber wie jedes Mal, wenn ich im Haus war, gehe ich zufrieden nach Hause.

Photoprojekt 4.Juli 2014 (9)

Reinigung

Ins Toggenburg fahren. Das Wetter ist grummelig. Es herrscht feuchte Luft. Vorbei an Wil, Bütschwil, Dietfurt, an Baustellen. Überall wird gebaut. Alte Bäume fallen, Häuser werden abgerissen.

Ich aber will nur zu meinem Haus.
Diese Sehnsucht ist gross. Mein Vater hat die Wiese gemäht. Die Sonne hat das Gras ausgebleicht. Die Rosen sind verblüht, ohne dass ich sie dieses Jahr gesehen habe. Wir treten ins Haus. Ich muss die Fenster öffnen. Luft, frische Luft. Ich atme durch.

Ich muss Raum schaffen. Aufräumen. Endlich.
Ich will ausmisten.

Schliesslich räume ich die Stube, die Kisten voller Kinderkleider weg. Es sind meine Kleider, die ich als kleines Mädchen getragen habe. Oma hat sie alle behalten. Kaum zu glauben, dass ich einmal so klein war. Ich schnuppere daran. Es riecht nach Omas Mottenkugeln, Die Kleidchen, Jäckchen und Mützchen haben meine Uroma Röös und meine Mutter gestrickt.

Nach einer halben Stunde sieht die Stube wieder richtig schön aufgeräumt aus. Ich streiche mit den Händen über den grünen Kachelofen. Mein Opa hat sich daran immer seine kalten Hände gewärmt.

Die Küche ist noch immer vollgestapelt mit Geschirr, das ich in allen Ecken des Hauses gefunden habe. Katzenfutternäpfe, verstaubt und verklebt stehen herum. Am Boden liegen Teppichreste. Ich möchte am liebsten alles, was Teppich ist, rausschmeissen und endlich den schönen, roten Kachelboden freilegen und den Boden aufnehmen.

Ich wasche ab. Ich räume Geschirrtücher weg, die seit zwei Jahren an der Tür hängen. Ich verstaue Tupperwaredosen. Eine Vase. Immer wieder finde ich in Schränken Dinge, die da nicht hingehören. Spiele. Nähnadeln. Prospekte. Immer wieder Plastiksäcke. Fein säuberlich zusammen gefaltet.

Ich fülle einen Müllsack mit defekten, alten Dingen. Oma konnte nichts wegschmeissen und wenn sie tat, dann in den Bach. Ich komme mir vor wie bei einer Reinigungszeremonie. Oma hat so drunter gelitten, dass das Haus nicht leer war. So viele Dinge! Ist es meine Aufgabe, das Haus zu leeren?

alte Liebe

Morgen ist mein freier Tag und er ist, zumindest am Vormittag, reserviert fürs Haus. Vor einigen Monaten dachte ich, an meinem Geburtstag würde ich mein eigenes Haus besitzen. Doch dem ist nicht so. Noch nicht. Mehr denn je bemerke ich, dass Geduld keine Stärke von mir ist.

Die Johannisbeeren werden bald reif sein. Ich muss dran denken, wie gewissenhaft Paula immer ihre Beeren gelesen und verarbeitet hat. Wie alt die Sträucher wohl sind? Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die Äste gestutzt. Wie werden die Beeren sein?

Ich hab einige Photos meiner Urgrosseltern ausgedruckt. Erst jetzt bemerke ich, wie sehr sie bis ins hohe Alter einander verbunden und, für mich ungewohnt zu sehen: sehr verliebt waren.

Manchmal, wenn ich mir die Photos anschaue,, wünsche ich mir, ich hätte mehr mit ihnen reden können. Was hätte Henri mir wohl erzählen können? Er hat den Ersten Weltkrieg am eigenen Leib erlebt. Und Röös? Sie ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie lebte wohl in Berlin. Ihre Kinder lebten in Polen, der Tschechoslowakei und in Ost-Deutschland.

Die Sehnsucht nach dem Haus ist gross. Fast jede Nacht träum ich davon. Ich möchte so gerne das alte Zeugs ausmisten und mit meiner Omi Paula auf der Terrasse Milchkaffee trinken. Ich will nicht länger nur träumen.

Kann man Heimweh nach früher haben?

Im Sommer ist das Haus eine kühle Höhle. Die Wärme kann ihm nichts anhaben. Es konserviert Lebensmittel ohne Kühlschrank. Man wird nicht alt darin.

Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich den Flur und Omi Paula, die gerade ein Himbeerjoghurt holt. Sie kocht Kaffee. Ich bin wieder neun Jahre alt und seh ihr zu, wie sie die Bingozahlen im Blick liest. Sie hat ein ganz eigenes System. Ordnung. Ihr entgeht nichts. Sie liebt es, Bingozettel auszufüllen, so wie ich gerne Vogelfutter sortiere oder Stifte nach Farben ordne.

Oma störts nicht, wenn ich stundenlang am Tisch neben ihr sitze und schreibe und male. Sie sagt nicht die ganze Zeit: „Kinder müssen sich bewegen.“ Das sagt sie nicht mehr.
Ich bin neun Jahre alt. Es ist Sommer und an meinen Beinen klaffen tiefe Wunden. Ich gehe an Stöcken.

Manchmal tritt Omi neben mich und küsst mich. Sie sagt, ich wär ihr ganzer Stolz, denn ich liesse mich nicht unterkriegen. Ich finde nichts aussergewöhnliches dabei, wieder laufen zu lernen. Es bleibt mir nichts anderes übrig.

An die Schmerzen erinnere ich mich nicht mehr. Denn Schmerzen hat man in den 80ern einem Kind wie mir abgesprochen.
„Stell dich nicht so an“, sagt die Lehrerin. „Sei ein Vorbild“, sagt der Lehrer.

Oma sagt das nicht.
Sie treibt mich nicht an.
Oma zieht Pflanzen auf, die andere weggeschmissen haben. Unter ihren Händen begannen sie wieder weiterzuleben.

Wenn die Ferien vorbei waren, verliess ich Omi. Doch jedes Mal kam ich mir vor, wie ein Kaktus, auf dessen Spitze rosa Blüten spriessten.

Sommergewitter

Heute nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich träume ihn immer wieder. Seit über 25 Jahren.

Es ist ein heisser Tag in den 80ern. Die Sonne brennt heiss auf meiner Haut. Ich stehe auf unserer Wiese vor dem Haus im Toggenburg. Meine Schwester und ich hüpfen herum, weichen den Scheisshaufen von Barri, dem Appenzellermischling aus.

Ich nehme ein Bad im Bach. Der Bach ist eigentlich ein Kanal, der neben dem Haus vorbei fliesst. Er riecht ein wenig nach Chemikalien. Trotz alledem leben unten unter dem Fall einige Forellen.

Dann gehe ich zurück ins Haus. Oma, meine Schwester und ich schauen fern. Es wird langsam dunkel. Die Wolken ziehen sich zusammen. Ein Gewitter.

Nie habe ich solche Gewitter erlebt wie im Toggenburg als Kind. Mir schien, als bebte die Erde. Obwohl es dunkel ist, leuchtet alles herum. Es knallt und bebt, als ginge die Welt unter. Der Regen prasselt laut auf das Dach nieder und ich erwarte jeden Moment, dass eine Welle von Regenwasser uns alle davon schwemmt.

Ich wache auf. Ich bin kein Kind mehr. Mein Erlebnis ist über 25 Jahre her. Trotzdem sehne ich mich nach dem Haus.
Ich möchte zu gerne wissen, wie es ist, 25 Jahre später im Haus zu leben, wenn es gewittert. Werde ich Angst haben? Mich geborgen fühlen?