Omi und Röös

Meine Urgrossmutter Röös ist eine geheimnisvolle Figur in meiner Familie. Sie tauchte nach dem Krieg, irgendwann in den 50er Jahren, an der Seite meines Urgrossvaters Henri auf. Niemand weiss so genau, woher sie gekommen ist. Die Zeugnisse ihres Lebens sind Bücher, Photos und Postkarten.

img130

Röös in den 50er Jahren vor dem Haus

Mein Grossvater Walter hasste sie. Er war, als seine Mutter Anna 1947 starb, gerade mal 23 Jahre alt. Die neue Frau an seines Vaters Seite akzeptierte er nie. Trotzdem hat er die beiden seit Anfang der 80er Jahre bis zu ihrem Tod einige Jahre später gepflegt.

Röös‘ Vergangenheit scheint abenteuerlich. Sie lebte lange im Dritten Reich. Ihre Kinder sind über Osteuropa verstreut. Ich weiss nicht mal, ob O. und M. noch leben. Viele Briefe zeugen von ihrer Verbundenheit zu den Kindern. Doch existieren tun nur noch die Briefmarken in meinem Album, das mir mein Opa Walter schenkte.

Er war es, der mir, als ich 10 Jahre alt war, die Briefmarken schenkte und meinte, ich soll sie vernichten, weil sie seiner Meinung nach nichts wert waren. Nur zwei Jahre später, im Spätherbst 1989 rief mein Opa mich an und fragte scheu, ob ich alle Marken vernichtet hätte. Ich verneinte, woraufhin er mich lobte.

Röös war Omis grösste Prüfung während der damals noch jungen Ehe im Jahre 1951. Röös schien nicht besonders nett mit Omi Paula umgegangen zu sein. 2012, bevor Omi ins Pflegeheim eintrat, loderten all jene Geschichten nochmals auf. Überall im Haus entdeckte Paula Röös‘ Spuren. Sie fluchte. „Immer diese Röös. Überall lässt sie ihre Sachen herumliegen!“ Dass Röös damals fast 30 Jahre tot war, wusste Omi nicht mehr.

Ich war froh, dass ich all die Jahre gut zugehört hatte, um Omi jetzt in ihrer Not zu verstehen. Dank meines Vorwissens verurteilte ich Omis Sätze nicht als Hirngespinste.

Manchmal laufe ich durch das Haus und frage mich, wie viel von all den Sorgen meiner Vormütter noch in den Mauern steckt. Wie viele Tränen sind hier wohl geflossen sind?

Elternglück

Da alle Welt immer wieder gerne vom Glück, Kinder zu haben, singt, mag ich über andere Dinge sprechen. Mein Glück, ist es Eltern zu haben.

Mit Eltern meine ich nicht nur meine leiblichen Eltern, natürlich die besonders, sondern alle Menschen, die mir in besonderer Freundschaft zugetan sind und die mit ihrem freundlichen Wesen die Welt ein wenig besser machen.

Ein Beispiel?
Gestern reisten wir, mein Vater und seine Frau, sowie Sascha und ich, von Kreuzlingen mit dem Schiff nach Schaffhausen. Das Schiff war recht schnell voll, doch Sascha konnte gerade noch einen Viererplatz neben einem betagten Schweizer Ehepaar ergattern. Ich bemerkte sofort, dass diese beiden keinerlei Wert auf andere Passagiere legten, Der Mann, etwa Mitte Ende siebzig fiel auf durch eine unglaubliche Gehässigkeit. Er grüsste nicht, obwohl wir ihn grüssten. Später bestellte er bei der spanischen Kellnerin einen Rosé, auch bei ihr bedankte er sich nicht fürs Servieren. Im Gegenteil. Er pfiff sie an, weil er selber einschenken wollte. Damit komme ich nicht klar. Unhöflichkeit gegenüber freundlichem Servicepersonal geht gar nicht.

Ganz anders mein Vater und seine Frau; sie sind freundliche, anständige Menschen und es macht Spass, sich mit ihnen zu unterhalten, weil sie offen sind.
Auf der Rückfahrt von Schaffhausen nach Kreuzlingen stieg ein deutsches Ehepaar ein. Sie waren etwa im gleichen Alter wie meine Eltern, so um die 60. Es dauerte keine zwei Minuten, schon diskutierten die beiden Herren engagiert übers Bierbrauen, Politik und Sport. Erst zweieinhalb Stunden später, das Ehepaar verliess das Schiff, fand die Diskussion ein Ende.

Für mich als Tochter war es wunderbar anzuhören, wie neugierig und leidenschaftlich mein Vater diskutiert. Ich erkenne mich wieder. Das ist mein Glück. Eltern sind ein Spiegel. Sie leben vor, was man selber ebenfalls ist, auch wenn es manchmal gar nicht wahrhaben will.
Ich mag Menschen, die trotz ihres Alters neugierig geblieben sind. Mir gefallen Menschen, denen man ansieht, dass sie noch lächeln können. Ich bin glücklich, dass ich meine Eltern zu dieser Gruppe zählen kann.

Sommerferien mit den Eltern

Als wir noch Kinder waren, verbrachten meine Schwester und ich die Ferien mehrheitlich bei Omi Paula und Opa Walter. Darauf freuten wir uns immer sehr.

An unserem Wohnort, direkt an der Schule, hatten wir wenig Möglichkeiten für uns zu sein. Immer fühlte sich jemand durch uns gestört. Lehrer sind oft sehr unangenehme Menschen.

Anders wars bei Opa und Omi. Die freuten sich, wenn wir herumtollten. Wir spielten oft gemeinsam Versteckis. Mit Omi zusammen erkundeten wir die Welt.

Umso wertvoller erscheinen mir heute die Ausflüge mit den Eltern. Ich nehme an, wir hatten nicht sehr viel Geld. Ferien im Ausland haben wir nie gemacht. Auch an Skiferien kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern haben immer nur gearbeitet.

Dafür waren sie immer da für uns. Das heisst: mein Vater war als Hauswart immer erreichbar. Das war im Nachhinein sehr wertvoll.

An eine unserer Ferienausflüge mag ich mich besonders gern erinnern: wir sind mit dem Schiff von Romanshorn nach Schaffhausen gefahren; mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Wir haben gelacht und geredet.

Heute mache ich fast denselben Ausflug von Kreuzlingen aus mit Sascha, meinem Vater und seiner Frau. Ich freue mich auf diesen Eindruck und unsere Gespräche.

Es ist fast nie zu spät, neue Eindrücke zu gewinnen, auch wenn die Erinnerungen an früher oft schmerzhaft sind.

Er und ich

Der Tag heute auf dem Säntis hat mir gut getan.
Der Säntis und ich – das ist eine Liebesgeschichte sondergleichen.

Von Wängi aus hatte ich als Kind einen guten Blick auf diesen schönen Berg. Auf ihn wollte ich steigen. Manchmal träumte ich vom Sand am Fusse des Berges, den ich berühren wollte.

Zum ersten Mal in meinem Leben stieg ich mit 12 Jahren mit meinem Vater hinauf. Es war gerade ein oder zwei Jahre her, seit meine Hüftgelenke operiert wurden. Der Aufstieg war anstrengend, aber danach hochemotional. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und ich uns auf dem Gipfel oben weinend umarmt haben und er mir sagte, wie stolz er auf mich ist.

Als ich schliesslich Auto fahren konnte, führte meine erste Reise auf die Schwägalp. Den Säntis, den musste ich an diesem schönen Junitag im Jahr 2000 einfach sehen. Später wanderte ich auf den Säntis, wenn ich Liebeskummer hatte. Wenn ich Übersicht brauchte.

Denn die kriegt man hier oben. Ganz egal, ob der Berg umgeben ist von Wolken oder die Sicht bis zum Bodensee oder den Alpen reicht, der Kopf wird klarer. Mindestens einmal im Jahr muss ich rauf und auslüften.

Ich sass heute auf der Gipfelterrasse und dachte nach. Noch vor 10 Jahren stand ich mit Oma hier oben. Wir feierten meinen Geburtstag. Wenn ich ins Tal runterblicke, kann ich in der Ferne sehen, wo Oma jetzt lebt.

Das Toggenburg ist meine andere Heimat. Von hier stammen meine Grosseltern Paula und Walter, meine Urgrosseltern und wahrscheinlich auch meine Ururgrosseltern. Hier oben auf dem Berg scheint alles friedlich und unwichtig. Keine Sorgen, keine Ängste. Dieses Gefühl von Freiheit und Klarheit nehme ich mit in den Thurgau.

zora säntis

ca 1989 auf dem Säntis

 

IMG_0342

2005 mit Paula auf dem Säntis

 

 

20140716_105436[1]

2014

Raumordnung

Nachdem ich gestern die Stube und das Bad geräumt hatte, war ich sehr erschöpft. Mir tat alles weh und ich hätte mich am liebsten in einer Höhle verkrochen, um lange zu schlafen.

Am Abend meine Eltern zum Essen zu treffen, war eine willkommene Ablenkung. Ich bin so froh, dass mein Vater und seine Frau so hinter uns stehen und uns mit Rat und Tat unterstützen.

Wir sprachen, natürlich, über das Haus, seine Bewohner, seine Toten. Ich überlege mir, dass ich all jene Gegenstände, die ich nicht mehr brauchen werde, in einem Bazar auf der Terrasse anbieten möchte. Ich werde Leintücher verschenken, Wolle und nie getragene Schuhe.

Die Kunst bei der Räumung des Hauses ist, all jene Gegenstände zu finden, die mir etwas bedeuten. Da ist die Geige meines Urgrossvaters. Ich denke mit Bedauern daran, dass ich nie ein Instrument spielen gelernt habe. Omas Sonntagsgeschirr, das sie nie auftischen mochte, ausser wenn ich da war. Als Kind erschien es mir wie ein grosser Schatz.

Die Briefe meiner Urgrosseltern und meiner Mutter. Sie sind ein grosser Schatz, quasi die Stimmen von früher. Ich muss dran denken, dass ich noch so viele Fotos digitalisieren muss. Ich freu mich darauf.

Der Vorratsraum beschert mir etwas Sorgen. Noch stehen so viele Schränke drin. Teppichresten. Kartonschachteln. Plastiktüten. Ich kanns nicht mehr sehen.

Der Grundriss des Hauses war einmal quadratisch. Er ist es längst nicht mehr. Der Anbau hat aus dem Haus etwas einzigartig exzentrisches gemacht. Vielleicht ist es so zu einem Art Abbild meiner Familie mütterlicherseits geworden: ein Haufen von Arbeitern mit künstlerischen Fähigkeiten.

Entmüllt.

Ich hab die letzte Nacht, wie schon die letzten Nächte, vom Haus geträumt. Immer wieder schleppte ich Säcke und Kartons weg. Doch der Berg wurde nicht kleiner. Ich roch die vergammelten Erinnerungen, den spröden Plastik, Gummiringe, Mottenkugeln.

Genug!

Wir fuhren ins Toggenburg zum Haus. Es zu sehen, war tröstend. Wie jedes Mal, wenn wir da sind, öffne ich Fenster und Läden. Lasse frische Luft hinein. Wie schon die letzten Tage stand plötzlich Röteli, Omis Gastkatze da. Sie miaute mich an, kam aber nicht ins Haus. Mir scheint, als wüsste die Katze genau, dass Omi hier nicht mehr wohnen wird.

Ich mache mich ans weitere Entmüllen. Zum Glück ist heute im Ort Müllsammlung. Wir packen also alles, was weg muss, in Müllsäcke, kleben Kehrrichtmarken drauf und weg damit. 12 Säcke à 35lt entsorgen wir. Der Vorratsraum sieht mit einem Mal wieder herrlich leer aus.

In Omis altem Schlafzimmer leere ich weitere Schubladen. Mehr als einmal finde ich kleine Zettelchen, die sich zur Erinnerung geschrieben hat. WC. Schlüssel! Paula!! Wäsche waschen! Essen kochen! Zora anrufen. Katzenfutter.

Ich weiss nicht, wie viele Zettel sie geschrieben hat und wie viele ich noch finden werde. Einige sind datiert.
Ich stelle fest, dass Paula sehr viel früher als ich gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Ich bin traurig, weil mir mit einem Mal bewusst wird, wie einsam ihre letzten Jahre im Haus gewesen sein müssen.

Ich finde in Kleiderschränken sorgsam in Plastik-Tiefkühlbeutel verpackte Werkzeuge. 10 Säcke à 60lt mit alten Kleidern finden ebenfalls ihren Weg in die Altstoffsammlung.

Die Krippe ist im Vorratskasten verräumt. Meine Kinderzeichnungen sind im Schlafzimmer in einer Schublade. Sie sind mit meinem Namen angeschrieben. Ich erinnere mich mit einem Mal, wie oft Omi erzählte, dass sie sich meine Bilder ansieht, wenn sie traurig ist. Ich brings nicht übers Herz, die Zeichnungen wegzuschmeissen. Ich lege sie wieder hinein in die Schublade. Morgen ist auch noch ein Tag.

Ruhelos

Der erste richtige Ferientag. Es zieht mich weg. Augusta Raurica. Da war ich in den 90ern mit Oma. Wir sind damals mit dem Zug gereist. Das waren Welten. Wir alleine, fast in Basel!

Es hat sich soviel verändert. So viele neue Häuser. Sascha und ich fahren über Land durch den Aargau. Das Wetter ist wechselhaft. Die Sonne brennt, weisse Wolken, dann Schauer. Wieder Sonnenschein. Prasselnder Regen.

Die Landschaft zieht an uns vorbei. Das Zusammenspiel zwischen blauem Himmel, weissen Wolken und goldenen Feldern berührt mich sehr. Wir fahren dem Rhein entlang, der ockergelb und schnell fliesst. Es riecht nach Lehm.

Ich bin unruhig.
Zwar geniesse ich die freie Zeit, erhole mich. Oft muss ich an Omi denken, meinen Traum. Ich wünsch mir so sehr, dass sie noch einmal das Haus sehen kann, wie es (auf)-geräumt aussieht.

Es geht mir nicht darum, dass das Haus mir gehörte und ich dort leben könnte. Nein. Ich hab das Gefühl, es ist eine Art Erlösung. Sie hat mich so oft in den letzten Jahren angefleht, alles auszuräumen und wegzuwerfen und gleichzeitig alles Brauchbare zu behalten.

Sie hat oft darüber geredet, dass sie fürchtet, man/ich könnte sie vergessen. Alle ihre Tücher, ihre Briefe, ihre Photos sind Erinnerungen an jemanden, der längst nicht mehr lebt. In jenen Zeiten, als ihre Erinnerung verblasste, hatte sie Angst, ich könnte auch mit einem Mal nicht mehr an sie denken.

Es hat mir immer sehr weh getan, weil es nicht so ist. Nicht so war. Vielleicht will ich drum, alles Kaputte aus dem Haus werfen, damit wieder mehr Platz für mich und Erinnerung für sie da ist.

Lebe deinen Traum

Eigentlich hatte ich gehofft, im Juli Besitzerin des Hauses zu sein. Aufgrund Ferienabwesenheiten und anderer Umstände zieht es sich hin.

Ich habe drei Wochen Ferien und zum ersten Mal seit ich denken kann, nichts geplant. Das heisst: der Plan war eigentlich, das Haus zu räumen. Im Vorratsraum türmt sich der Müllberg, den wir, wohl auf unsere Kosten, entsorgen. Ich kann den Anblick nur schwer ertragen.

Als ich am Freitag mein Omi sah, hab ich ihr erzählt, dass ich mir nichts mehr wünsche, als endlich im Haus zu wohnen, sie häufiger sehen zu können und vielleicht auch endlich mal wieder mit ihr Kaffee trinken zu gehen.

Ich habs nicht gerne, nur zu träumen. Ich bin eine Macherin. Keine Angst vor harter Arbeit. Aber da sitzen und Däumchen drehen ist nicht mein Ding.

Die letzten eineinviertel Jahre war ich in einer Weiterbildung zur biographischen Schreibpädagogin. Die Erkenntnisse, die ich über meine Familie, das Haus und mich gewonnen habe, sind wertvoll. Sie motivieren mich dazu, weiter zu machen, Geduld zu haben, nicht zu verzweifeln.

Als ich am Freitag im Haus war, hab ich entdeckt, dass mein Vater die Platten vor Opas Werkstatt frei gelegt hat. Sie waren bestimmt 17 Jahre lang nicht mehr am Tageslicht.

Mein Traum hat schon angefangen.

 

mit Vaterca 1979

Photoprojekt März 2014 (4)Frühling 2014

20140711_125458[1]

Juli 2014

Ein Tag im Toggenburg

Tage wie dieser sind nicht mein Ding. Heute ist es besser als früher. In Sommerlagern wurde mir früh morgens in den Schlafsack gesungen. Aufgedreht und mit schlechtem Atem. Heute morgen wurde ich von der Katze geweckt. Der ist es nämlich scheissegal.

So fahre ich ins Toggenburg zu meiner Oma.
Seit einigen Tagen lebt sie mit einer anderen Frau in einem anderen Zimmer. Ich muss mich kurz umgewöhnen. Es ist enger geworden. Nur noch wenige Möbel haben Platz. Omi stört sich nicht daran. Sie liegt auf dem Bett und döst.

Wir reden miteinander. Sie freut sich über mein Kommen. Es ist ein guter Tag. Wir lachen viel. Schliesslich frage ich sie:
„Weisst du, was heute für ein Tag ist?“
„Freitag! Das weiss ich seit heute mittag.“
„Omi, es ist viertel vor elf.“
„Siehst du, werde bloss nie so alt wie ich.“

Dann singt sie mit einem Mal den Refrain eines Songs aus einem meiner Lieblingsfilme. Ich bin versöhnt mit dem Tag.

Als Omi von der Pflegenden in den Essraum begleitet wird, holen Sascha und ich Möbel aus dem Estrich. Ich hatte Angst vor diesem Moment. Doch irgendwie erheitert es mich. Lieber hole ich Möbel, die nicht mehr gebraucht werden, so lange Omi noch lebt.

Wir wollen zum Haus fahren, doch die Zufahrt ist mal wieder zuparkiert. Wir tragen Stühle und Taschen zum Haus. In der Küche packt mich der Ordnungswahn. Ich räume endlich den Gang. Fülle wieder drei Müllsäcke mit Plastik und altem Zeugs. Ich entdecke einige Elektrogeräte, die so alt sind, dass man sie besser nicht in die Nähe einer Steckdose stellt. Ich räume auf. Es tut gut. Im Bad gibt es mehrere Einbauschränke. Sie sind voll abgelaufener Medis, Pflegelotions und Verbände. Die Verpackungen stammen teilweise aus den 60er Jahren. Wieder füllt sich ein Sack. Ich entsorge alte Kleider, von denen ich nicht mal weiss, wer sie einst getragen hat.

Dann, nach zwei Stunden, ist es gut. Ich bin müde. Ich friere. Ich habe Hunger.
Aber irgendwie ist es ein gutes Gefühl, das Haus zu leeren, mich von uralten Dingen zu trennen und dann, irgendwann, bald, hier einzuziehen.

Feiertage

Als ich noch ein Kind war, liebte ich meinen Geburtstag. Es war Hochsommer. Heiss. Ferien. Ich erinnere mich an zahllose Torten, meine Oma, die mir Kuchen in den Mund stopft, meine Mutter, die mich umarmt.

Geburtstag. Der Tag, an dem ich geboren bin.
Ich schaue mir manchmal das Photo mit meinen Eltern drauf an und sehe, wie glücklich sie sind, dass es mich seit einigen Minuten gibt. Ich muss dran denken, dass meine Mutter mich neun lange Monate in ihrem Bauch herumgetragen hat.

Geburtstag bedeutet auch, dass ich ein Jahr älter werde. Vorbei ist die Zeit der Kindheit, als ich es kaum erwarten konnte, endlich 6 Jahre alt zu werden, in den Kindergarten zu gehen.

 

sweet zora und torte

skeptical Zora is skeptical 1982

torte 1982

an die Torte kann ich mich heute noch erinnern

Oder 10 Jahre alt zu werden. Endlich. 16 Jahre alt. Endlich von zuhause ausziehen. Oder 20 Jahre alt. David Bowie am Openair hören. Jamiroquai. Erwachsensein.

An meinem 28sten Geburtstag fuhr ich mit meinem damaligen Freund und Paula auf den Säntis. Wir assen Bratwurst und liessen uns den Wind um die Ohren blasen. Omi und ich hielten uns oft die Hände. Wir waren sehr glücklich.

Irgendwann wurde ich 30. Ich rauchte meine erste Zigarre in einem Fünf-Stern-Hotel. Wollte einen Mann heiraten.
Eine Woche nach meinem Geburtstag kommt meine Mutter ins Spital. Ihre Leber steht vor dem Kollaps. Und mich holt ihre Krankheit auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ihr Sterben im Pflegeheim, welches neben dem Spital liegt, wo sie mich geboren hat, 30 Jahre vorher. Was für ein Witz! Das siebte Jahr ohne die Frau, die mich geboren hat. Das siebte Jahr ohne einen Spiegel, wie ich altern könnte.

Ich habs immer so gehasst, wenn sie darüber geredet hat, wie schlimm die vier Tage waren, an denen sie mich übertragen hat. Ihr Leiden. Die Hitze. Ich dachte als Kind, sie hasst mich deswegen.

Doch das ist natürlich Blödsinn. Ich würde so gerne mit ihr feiern und ihr danke sagen, dass sie mich geboren hat. Ich wäre neugierig, von ihr zu erfahren, wie sie die Welt sieht und ihr Leben.