Senfgelbe Sofas

Von allen Räumen im Haus mag ich die Stube am liebsten. Jetzt, da sie aufgeräumt ist, wirkt sie etwas unbelebt. Ich stelle mir vor, wo ich den Fernseher hinstelle und wie warm es im Winter sein wird, wenn wir anheizen.

Während der ganzen Räumerei ist die Stube mein Auftankort. Hier ruhe ich aus. Hier fläze ich mich hin, wenn ich gar nicht mehr kann. Die senfgelben Sofas sind noch wie neu. Als Kind hab ich deren Muster mit den Fingern nachgefahren und auf dem Stoff nach seltsamen Gesichtern gesucht.

Während ich da sitze, denke ich über diese Sofas nach. Sie sind mitsamt meinen Grosseltern umgezogen. Früher einmal standen sie in Sirnach. Da war meine Mutter noch ein Teenager. Ich denke darüber nach, worüber sie geredet haben, als sie damals auf ihren wertvollen Sofasesseln sassen. Ich nehme an, mein Vater sass auf einem, als er meine Mutter vor den Eltern gefragt hat, ob sie ihn heiraten will. Sie haben bestimmt auch gefeiert, als ich und später meine Schwester geboren wurde. Wahrscheinlich stecken auch viele Tränen in den Polstern, als mein Bruder starb.

Später hat meine Oma die Sofas ins Gästezimmer verfrachtet, damit Opa sie nicht mit seinem Pfeifentabak voll raucht. So standen sie jahrzehntelang im 2. Stock. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie Paula es geschafft hat, sie (alleine) wieder in die Stube zu schleppen.

Ich schliesse die Augen und stelle mir vor, wie ich mit der Katze und Sascha in der Stube auf den Sofas sitze. Wir schauen zum Fenster heraus und schauen auf den blühenden Garten. Senfgelbe Blumen sollen darin wachsen.

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Opa Walter beim Rauchen

 

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Rückkehr aus Lourdes oder Rom

 

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meine Mutter

 

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meine Mutter und Paula

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Die Traum-Werkstatt

Die letzten Nächte habe ich, zumindest im Traum, Opas alte Werkstatt ausgeräumt. Hier hat er fast zwanzig Jahre lang gewirkt.

Am Montag entsorgte ich mit Saschas Hilfe verschimmelte Kartons. Paula hatte sie den Wänden entlang gestapelt, um Durchzug vermeiden. Durchzug hats hier nicht. Seit wir lüften können, hat sich der modrige Gestank verflüchtigt.

Noch muss ich viel räumen. Da ist ein Tisch, der früher in der Stube stand. Die Schublade fehlt. Ich hab sie bisher im Haus noch nicht gefunden. Dafür fand ich die Scherbe einer Vase. Unglaublich, dass Omi sie aufbewahrt hat. Nun kann ich die Scherbe wieder einsetzen und fest kleben.

Im ganzen Haus hat Omi Werkzeug versteckt. Ich trage alles wieder zusammen und verräume es im Kasten. Mein Vater wird mir erklären, was ich davon noch brauchen kann.

In der einen Ecke, unter der Treppe, türmt sich das Holz in Einkaufskörben. Ich werde alles in den Garten, im kleinen Schopf verstauen. Hier ist es zu feucht für Holz. Bei alledem kämpfe ich gegen meine Spinnenphobie. Aber es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig.

Ich hätte die grösste Lust, mir sofort eine Schleifmaschine zu kaufen und die Wände meines zukünftiges Büros abzuschleifen. Jetzt sind die Wände mintfarben. Noch hab ich keinen Plan, welche Farbe sie einmal haben werden. Zuerst muss alles raus!

Hinter dem alten Stubentisch steht, versteckt und zugemüllt eine schöne alte Werkbank. Noch muss ich es mir schwer verdienen, all die Schätze des Hauses zu entdecken, zu entstauben und wieder aufzubereiten.

Meinen Traum, mal wieder eine Nacht im Haus zu verbringen und am nächsten Morgen um fünf Uhr auf den Säntis zu fahren, habe ich noch nicht umgesetzt. Was hindert mich daran?

Unrat

Heute haben wir erneut einen Teil des Hauses geräumt. Die Bilanz ist beeindruckend: acht 35lt Müllsäcke, sechs 60lt Kleidersäcke. zwei Säcke Altglas, zwei gefüllt mit Altmetall, einer mit Gift, mittlerweile sechs Kisten Karton sowie sechs Kisten gefüllt mit Geschirr, Tüchern und Nippes, den ich an meinem Bazar verkaufen und verschenken will.

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im Vorratsraum Juli 2014

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Opas Schlafzimmer Juli 2014

 

Beim Räumen komme ich meinen Grosseltern und Urgrosseltern wieder sehr nahe. Gewisse Dinge, die ich einfach nur scheusslich finde, schmeisse ich genüsslich weg. Da sind beispielsweise Einlagen. Omi hat sie zu Dutzenden gekauft und nie verwendet. Ich kanns nicht mehr sehen!

In allen Schränken, in allen von Omi gepackten Kisten, finde ich Wäscheklammern und Holzscheite. Ich könnte weinen. Weil ich ein ordentlicher Mensch bin, schmeiss ich die nicht einfach weg, sondern lege sie in die dafür vorgesehenen Körbe.

Mittags ruft mein Vater an, der gerade in der Nähe ist. Wir gehen mit ihm und seinem Kumpel in ein Restaurant. Ich geniesse die Ablenkung.

Mittlerweile ist neben dem Bad und der Stube auch das ehemalige Schlafzimmer von Omi Paula geräumt. Ich habe Frottéewäsche, weisse Bettwäsche und Küchentücher aussortiert. Schweren Herzens habe ich Kleider, die Omi längst zu gross sind, entsorgt.

In der Vorratskammer habe ich Geschirrschaften aussortiert. Es ist kaum zu glauben, was sich da alles angesammelt hat. Sobald ich eine erste Ladung Karton entsorgt habe, ist der Raum wieder besser begehbar und ich kann mich den versteckten Schränken widmen.

Schliesslich räumte ich auch noch Opas Werkstatt, die irgendwann mal mein Büro werden soll. Hier türmt sich der Müll und die Luft ist auch nicht besonders gut. Opas Schrank ist voll von Werkzeugen und alten Schrauben, Leimtuben und Verdünner. Ich werfe weg, was nicht mehr zu gebrauchen ist.

Nach fast sechs Stunden kann ich nicht mehr. Mir tut alles weh und ich setze mich in der Stube aufs Sofa. Da klingelt es unten.

Vor der Tür steht ein Mann in einem Anzug, der mir sofort unsympathisch ist, wohl weil er so nett drein schaut.
Er fragt nach Omi Paula und ob sie hier ist.

Ich weiss instinktiv, dass er ein „Sektenbruder“ ist. Omi hat verschiedentlich erzählt, dass ein gläubiger Mann bei ihr vorbei geschaut hat und sie ihm Kaffee und Kuchen ausgab. Ich nehme an, dass er auch Geld von ihr gekriegt hat.
Ich kriege mit einem Mal eine Sauwut.

Ich antworte dem Mann auf seine Fragen kurz angebunden. Nein. Paula lebt nicht mehr hier. Ja. Sie ist einem Pflegeheim. Nein. Sie will keinen Besuch von Ihnen.

Dann geht er seines Weges.
Unrat. Menschlicher Müll, der einen demenzkranken Menschen einlullt und ausnutzt. Ich könnte kotzen.

Omi und Röös

Meine Urgrossmutter Röös ist eine geheimnisvolle Figur in meiner Familie. Sie tauchte nach dem Krieg, irgendwann in den 50er Jahren, an der Seite meines Urgrossvaters Henri auf. Niemand weiss so genau, woher sie gekommen ist. Die Zeugnisse ihres Lebens sind Bücher, Photos und Postkarten.

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Röös in den 50er Jahren vor dem Haus

Mein Grossvater Walter hasste sie. Er war, als seine Mutter Anna 1947 starb, gerade mal 23 Jahre alt. Die neue Frau an seines Vaters Seite akzeptierte er nie. Trotzdem hat er die beiden seit Anfang der 80er Jahre bis zu ihrem Tod einige Jahre später gepflegt.

Röös‘ Vergangenheit scheint abenteuerlich. Sie lebte lange im Dritten Reich. Ihre Kinder sind über Osteuropa verstreut. Ich weiss nicht mal, ob O. und M. noch leben. Viele Briefe zeugen von ihrer Verbundenheit zu den Kindern. Doch existieren tun nur noch die Briefmarken in meinem Album, das mir mein Opa Walter schenkte.

Er war es, der mir, als ich 10 Jahre alt war, die Briefmarken schenkte und meinte, ich soll sie vernichten, weil sie seiner Meinung nach nichts wert waren. Nur zwei Jahre später, im Spätherbst 1989 rief mein Opa mich an und fragte scheu, ob ich alle Marken vernichtet hätte. Ich verneinte, woraufhin er mich lobte.

Röös war Omis grösste Prüfung während der damals noch jungen Ehe im Jahre 1951. Röös schien nicht besonders nett mit Omi Paula umgegangen zu sein. 2012, bevor Omi ins Pflegeheim eintrat, loderten all jene Geschichten nochmals auf. Überall im Haus entdeckte Paula Röös‘ Spuren. Sie fluchte. „Immer diese Röös. Überall lässt sie ihre Sachen herumliegen!“ Dass Röös damals fast 30 Jahre tot war, wusste Omi nicht mehr.

Ich war froh, dass ich all die Jahre gut zugehört hatte, um Omi jetzt in ihrer Not zu verstehen. Dank meines Vorwissens verurteilte ich Omis Sätze nicht als Hirngespinste.

Manchmal laufe ich durch das Haus und frage mich, wie viel von all den Sorgen meiner Vormütter noch in den Mauern steckt. Wie viele Tränen sind hier wohl geflossen sind?

Elternglück

Da alle Welt immer wieder gerne vom Glück, Kinder zu haben, singt, mag ich über andere Dinge sprechen. Mein Glück, ist es Eltern zu haben.

Mit Eltern meine ich nicht nur meine leiblichen Eltern, natürlich die besonders, sondern alle Menschen, die mir in besonderer Freundschaft zugetan sind und die mit ihrem freundlichen Wesen die Welt ein wenig besser machen.

Ein Beispiel?
Gestern reisten wir, mein Vater und seine Frau, sowie Sascha und ich, von Kreuzlingen mit dem Schiff nach Schaffhausen. Das Schiff war recht schnell voll, doch Sascha konnte gerade noch einen Viererplatz neben einem betagten Schweizer Ehepaar ergattern. Ich bemerkte sofort, dass diese beiden keinerlei Wert auf andere Passagiere legten, Der Mann, etwa Mitte Ende siebzig fiel auf durch eine unglaubliche Gehässigkeit. Er grüsste nicht, obwohl wir ihn grüssten. Später bestellte er bei der spanischen Kellnerin einen Rosé, auch bei ihr bedankte er sich nicht fürs Servieren. Im Gegenteil. Er pfiff sie an, weil er selber einschenken wollte. Damit komme ich nicht klar. Unhöflichkeit gegenüber freundlichem Servicepersonal geht gar nicht.

Ganz anders mein Vater und seine Frau; sie sind freundliche, anständige Menschen und es macht Spass, sich mit ihnen zu unterhalten, weil sie offen sind.
Auf der Rückfahrt von Schaffhausen nach Kreuzlingen stieg ein deutsches Ehepaar ein. Sie waren etwa im gleichen Alter wie meine Eltern, so um die 60. Es dauerte keine zwei Minuten, schon diskutierten die beiden Herren engagiert übers Bierbrauen, Politik und Sport. Erst zweieinhalb Stunden später, das Ehepaar verliess das Schiff, fand die Diskussion ein Ende.

Für mich als Tochter war es wunderbar anzuhören, wie neugierig und leidenschaftlich mein Vater diskutiert. Ich erkenne mich wieder. Das ist mein Glück. Eltern sind ein Spiegel. Sie leben vor, was man selber ebenfalls ist, auch wenn es manchmal gar nicht wahrhaben will.
Ich mag Menschen, die trotz ihres Alters neugierig geblieben sind. Mir gefallen Menschen, denen man ansieht, dass sie noch lächeln können. Ich bin glücklich, dass ich meine Eltern zu dieser Gruppe zählen kann.

Sommerferien mit den Eltern

Als wir noch Kinder waren, verbrachten meine Schwester und ich die Ferien mehrheitlich bei Omi Paula und Opa Walter. Darauf freuten wir uns immer sehr.

An unserem Wohnort, direkt an der Schule, hatten wir wenig Möglichkeiten für uns zu sein. Immer fühlte sich jemand durch uns gestört. Lehrer sind oft sehr unangenehme Menschen.

Anders wars bei Opa und Omi. Die freuten sich, wenn wir herumtollten. Wir spielten oft gemeinsam Versteckis. Mit Omi zusammen erkundeten wir die Welt.

Umso wertvoller erscheinen mir heute die Ausflüge mit den Eltern. Ich nehme an, wir hatten nicht sehr viel Geld. Ferien im Ausland haben wir nie gemacht. Auch an Skiferien kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern haben immer nur gearbeitet.

Dafür waren sie immer da für uns. Das heisst: mein Vater war als Hauswart immer erreichbar. Das war im Nachhinein sehr wertvoll.

An eine unserer Ferienausflüge mag ich mich besonders gern erinnern: wir sind mit dem Schiff von Romanshorn nach Schaffhausen gefahren; mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Wir haben gelacht und geredet.

Heute mache ich fast denselben Ausflug von Kreuzlingen aus mit Sascha, meinem Vater und seiner Frau. Ich freue mich auf diesen Eindruck und unsere Gespräche.

Es ist fast nie zu spät, neue Eindrücke zu gewinnen, auch wenn die Erinnerungen an früher oft schmerzhaft sind.

Er und ich

Der Tag heute auf dem Säntis hat mir gut getan.
Der Säntis und ich – das ist eine Liebesgeschichte sondergleichen.

Von Wängi aus hatte ich als Kind einen guten Blick auf diesen schönen Berg. Auf ihn wollte ich steigen. Manchmal träumte ich vom Sand am Fusse des Berges, den ich berühren wollte.

Zum ersten Mal in meinem Leben stieg ich mit 12 Jahren mit meinem Vater hinauf. Es war gerade ein oder zwei Jahre her, seit meine Hüftgelenke operiert wurden. Der Aufstieg war anstrengend, aber danach hochemotional. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und ich uns auf dem Gipfel oben weinend umarmt haben und er mir sagte, wie stolz er auf mich ist.

Als ich schliesslich Auto fahren konnte, führte meine erste Reise auf die Schwägalp. Den Säntis, den musste ich an diesem schönen Junitag im Jahr 2000 einfach sehen. Später wanderte ich auf den Säntis, wenn ich Liebeskummer hatte. Wenn ich Übersicht brauchte.

Denn die kriegt man hier oben. Ganz egal, ob der Berg umgeben ist von Wolken oder die Sicht bis zum Bodensee oder den Alpen reicht, der Kopf wird klarer. Mindestens einmal im Jahr muss ich rauf und auslüften.

Ich sass heute auf der Gipfelterrasse und dachte nach. Noch vor 10 Jahren stand ich mit Oma hier oben. Wir feierten meinen Geburtstag. Wenn ich ins Tal runterblicke, kann ich in der Ferne sehen, wo Oma jetzt lebt.

Das Toggenburg ist meine andere Heimat. Von hier stammen meine Grosseltern Paula und Walter, meine Urgrosseltern und wahrscheinlich auch meine Ururgrosseltern. Hier oben auf dem Berg scheint alles friedlich und unwichtig. Keine Sorgen, keine Ängste. Dieses Gefühl von Freiheit und Klarheit nehme ich mit in den Thurgau.

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ca 1989 auf dem Säntis

 

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2005 mit Paula auf dem Säntis

 

 

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2014