Der Radius wird klein(er)

Seltsames Gefühl, in einigen Tagen Omis Möbel, die sie nicht mehr braucht, aus dem Altersheim abzuholen. Was ich schon bei meiner Mutter Sterben beobachtet habe, nämlich das Kleinerwerden des Radius, bemerke ich nun auch bei meiner Oma.

Omi Paula liebte das Reisen immer sehr. Rom. Lourdes. Berlin. Zürich. Luzern. Irgendwann schafften wir es nur noch bis St. Gallen. Frauenfeld. Wattwil. Dann wurde auch das zu weit. Das Einkaufen übernahm mit einem Mal ich. Oma schaffte es nicht einmal mehr bis zum kleinen Dorfladen.

Oma liebte ihr Haus immer so. Die vielen Zimmer hat sie mit Inbrunst geputzt und instand gehalten. In den letzten Jahren, während sie noch im Haus lebte, wurde auch dieser Radius immer geringer. Sie zog vom Dachgeschoss in Opas altes Schlafzimmer und lebte irgendwann nur noch in Küche, Bad und Schlafzimmer.

Ähnlich verhält es sich nun im Pflegeheim. Schwierig genug, mit Oma einige Möbel auszuwählen, die sie „mitnehmen“ will. Jetzt, anderthalb Jahre später braucht sie sehr viel weniger. Die Möbel und der Besitz haben ihre Wichtigkeit verloren, sie lenken sie nur ab.

Ich weiss nicht, was ich denken soll. Es ist irgendwie beruhigend, dass am Ende des Lebens Besitz von Dingen nicht mehr wichtig ist. Wie wird es wohl sein, wenn ich sterbe?

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2 Gedanken zu “Der Radius wird klein(er)

  1. Ich finde es auch schön, dass man in der letzten Lebensphase noch andere Werte finden kann als Besitz. Vielleicht gibt es ja die Weisheit des Alters doch. Wenn auch abseits vom derzeitigen Jugendlichkeitswahn, der leider von keinerlei Weisheit begleitet wird.

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  2. „Die Möbel und der Besitz haben ihre Wichtigkeit verloren, sie lenken sie nur ab.“ Schön beobachtet finde ich.
    Das ist bei uns Jüngeren im Grunde auch so; das wir uns dauernd ablenken und ablenken lassen von den wesentlicheren Dingen im Leben: im Einklang zu sein, verbunden mit dem was uns umgibt…Wir glauben ’na ja, dafür habe ich ja immer noch Zeit wenn ich mal genug gerafft habe, wenn ich endlich mal genug Anerkennung bekommen habe, endlich gute Beziehungen…‘
    Dabei ist alles so offensichtlich, dass es sogar meine Katze macht: EINFACH SEIN! (Groß- und Kleinschreibung bitte bei Bedarf selbst bewerkstelligen, ergibt nämlich jeweils einen anderen Sinn)
    Insofern: von Dementen und Katzen kann man eine Menge über sich selbst lernen…
    Wünsche noch einen herrlichen Tag.

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