Sommertraum

Vor einem Vierteljahr bin ich davon ausgegangen, dass das Haus im Juli mir gehören würde. Ich hab mich getäuscht. Noch heisst es warten.

Manchmal hab ich das Gefühl, die Zeit rinnt zwischen meinen Händen davon und ich stehe da und kann gar nichts tun. Ich bin jetzt im besten Alter, um den Garten zu bestellen und mein Haus zu renovieren. Abhängig zu sein von anderen widerstrebt mir aufs Tiefste.

Mitte Juli habe ich Ferien. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dann das Haus zu räumen. Solange es mir nicht gehört, sind mir die Hände (und das Herz) gebunden.

Mein Vater hat mir heute gesagt, wie grosse Mühe er hat, dass ich ein renovierungsbedürftiges Haus kaufe. Ich wurde wütend. Wäre ich ein Mann und hätte ich Frau und Kinder, wäre wohl alles anders.

Ich bin eine Frau, die anpackt. Kein Huscheli. Ich will endlich mein Haus, um dort zu leben, den Garten bepflanzen und Omi Paula öfters sehen.

 

P1050419

Der weitervererbte Gesichtsausdruck

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand der Zahnarzt heraus, dass ich unter einer Fehlentwicklung meines Kiefers litt. Auf alten Bildern meines Uropas Henri kann ich gut erkennen, dass er mir seine Kieferform einfach „weitervererbt“ hat.

„Leiden“ ist ein Ausdruck, den ich nicht mag. Aber in dem Fall traf er zu. Aber das wusste ich als Kind noch nicht. Ich wurde älter und mein Unterkiefer schob sich immer mehr hervor.

Oft wurde ich angesprochen, warum ich so bös drein schaue und nicht lache. Nun ja, damit fällt einem das Lachen schwer. Und noch schlimmer: auch das Essen wird zur Qual.

Je älter ich wurde, desto mehr kriegte ich Schmerzen in den Kiefergelenken. Doch aus Sicht des Kieferorthopäden war klar, dass man meinen Kiefer erst nach Ende meiner körperlichen Entwicklung operieren würde.

Mit 17 kriegte ich eine Spange, um meine krummen Zähne in Reih und Glied zu pressen. Mit 17 knutscht man normalerweise rum. Doch ich trug stolz meine metallene Verdrahtung herum. Ich wusste, es lohnt sich. Irgendwann würde ich besser aussehen.

Als ich 19 Jahre alt war, trat ich ins Spital ein. Vorher hatte ich meinen Besitz geregelt. Ich war überzeugt, ich würde bei der OP sterben. Man hatte mich über alles aufgeklärt. Aber das war mir egal. Ich hatte schrecklichen Liebeskummer und ich war bereit, zu gehen.

Ich erwachte wieder. Natürlich. Denn sonst könnte ich ja das hier nicht schreiben. Ich war eine andere. Nach einer OP im Gesicht ist man zuerst einmal entstellt. Mein Gesicht war geschwollen. Ich konnte nicht mehr reden. Die Schmerzen waren unerträglich. Dazu kam, dass mein Ober- mit dem Unterkiefer verdrahtet war. Ich konnte den Mund nicht mehr öffnen, nicht mehr essen, nur noch trinken.

Sechs Wochen lang lief ich so herum und fühlte mich wie der Eisenbeisser. Dann klangen die Post-Op-Symptome ab und ich sah zum ersten Mal mein Gesicht, wie es ohne den hervorstehenden Kiefer aussah.
Ich erkannte mich nicht wieder. Mit einem Mal war ich schön, nicht mehr mit einem bösartigen Ausdruck gesegnet.

Eine der Nebenwirkungen der OP ist die Ageusie. Ich wusste, dass es mich treffen könnte. Nicht mehr schmecken zu können, ist eine seltsame Sache, Erdbeeren nicht von Basilikum auseinander halten, eine andere. Kochen kann ich nur, wenn ich mich streng an Rezepte halte. Salz schmecke ich nicht mehr. Nur noch Zucker. Den hasse ich.

Die Vorratssache

Ich war in Sachen Haushaltsausstattung immer ein Glückskind. Ich habe praktisch nie was für Geschirr, Bettwäsche und Frottiertücher ausgegeben.
Von Anfang an, als ich meine erste Wohnung bezog, war nämlich klar, dass ich (das Kind) mit Geschenken überhäuft würde. Oma, meine Mutter und überhaupt alle hielten ein strenges Auge darauf, dass ich niemals etwas neues,teures kaufen müsste.

Jeder Besuch bei Oma lief darauf heraus, dass sie sich überlegte, was sie mir für meine Ausstattung mitgeben könnte.Ein Fondue-Caquelon? Ein Rechaud? Eine Saucière?

Nie lief ich mit leeren Händen aus dem Haus. Ganz egal, ob es Kaffeetassen, Badetücher oder grosse Wollknäuel waren: das Kind muss was mitnehmen. Es ist schliesslich genug da.

Und so befinden sich in meiner jetzigen Wohnung Überbleibsel aus mehreren anderen Wohnungen. Wenn ich meine Besteckschublade öffne, sehe ich die Gabeln meines Urgrossvaters. Ich trinke aus Gläsern meiner Mutter. Im Bad benütze ich die Frottiertücher meiner Oma.

Trotz allem gibt es mir ein Gefühl von Geborgenheit. Ich bin nicht alleine. Sie sind irgendwie bei mir. Vor allem, wenn ich meine Zähne putze.

Spurlos verschwunden

Meine Kindheit in den frühen 1980er Jahren im Thurgau war geprägt von der Angst vor dem bösen Mann. Als ich in den Kindergarten ging, hat mir meine Mutter tagtäglich eingebläut, ich soll nur ja mit keinem Mann sprechen. Das hätte ich natürlich eh nie gemacht, da ich erstens total schüchtern war und zweitens panische Angst vor bartlosen Männern hatte.

Damals verschwanden mehrere Kinder in meiner Gegend. Für meine Eltern und meine Omi muss das der totale Horror gewesen sein. Niemals durften wir Kinder irgendwo alleine spielen ohne uns nicht regelmässig bei den Eltern wieder zu melden. (Damals gabs keine Handys für Kinder!)

Als ich in die erste Klasse ging, ich glaube sogar, es war die erste Woche, entschied ich mich, meine Kindergartenlehrerin zu besuchen. Frau H. hatte ich immer so gerne gehabt und ich vermisste sie sehr. So beschloss ich nach Schulschluss, im Chindsgi vorbei zu schauen.

Frau H. freute sich sehr über meinen Besuch. Ich hingegen fühlte mich wie eine Erwachsene. Mit grossem Stolz machte ich mich eine Stunde später auf den Heimweg. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, nur noch daran, dass meine Oma und meine Mutter weinten, als sie mich sahen.

Oma drückte mich an sich. Sie trug ihren hellblauen Strickpullover, der ihr heute viel zu gross ist. Meine Mutter hingegen war wütend. Ich verstand gar nichts.

An jenem Nachmittag war nämlich meine Oma zu einem Überraschungsbesuch vorbei gekommen. Sie sassen im Garten und warteten auf meine Rückkehr aus der Schule. Nachdem sie bemerkt hatten, dass alle meine Schulkollegen nach und nach zu ihren Müttern gingen, kriegten sie Angst.

Für Omi und Mami schien sofort klar: das Kind wurde entführt. Sie haben wohl allen anderen Müttern telephoniert. Doch die Antwort war immer dieselbe: Nein, Zora ist nicht bei uns. Nein, meine Tochter weiss nicht, wo Zora ist.

Die Angst meiner Mutter und meiner Oma hat sich auf mich niedergeschlagen. Als einige Jahre später, 1986, Edith Trittenbass verschwand, hatte auch ich Angst. Noch heute denke ich oft an all die verschwundenen Kinder von damals.

Treibholz

Die letzten Wochen waren unglaublich.
Seit ich von der Nominierung für einen Grimme Online Award erfahren habe, werde ich auf mein Blog angesprochen. Mittlerweile wissen auch meine Arbeitskollegen davon. Es ist ein seltsames Gefühl. Ich kann mich gar nicht richtig daran gewöhnen, dass jetzt Menschen in meinem Umfeld wissen, was und dass ich schreibe.

Ich freue mich auf die Reise nach Köln an die Preisverleihung. Meine Flugangst ist plötzlich weg. Die Welt öffnet sich mir. Ich bin aufgeregt, aber nicht so sehr, wie ich gedacht habe. Es ist alles sehr surreal.

Paula hat sich vor einigen Wochen einen komplizierten Bruch zugezogen. Meine Energie und meine Gedanken galten, neben meiner Arbeit, ihr. Ich mache mir Sorgen. Ich träume von ihr. Ich fühle mich seltsam traurig.

Was tue ich, wenn sie jetzt beschliesst zu sterben? Sie mag nicht mehr leben, wenn sie Schmerzen hat. Sie will einschlafen. Das war immer ihr Wunsch.

Meiner ist es nicht.
Ich will sie nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht irgendwann.
Aber das Leben ist irgendwie anders.

Menschen, die mich nicht kennen, aber von der Nominierung erfahren haben, sprachen mich an, wie stolz ich jetzt sein müsste. Ich bin irritiert.

Ich bin nicht stolz.
Schreiben ist mein Stück Treibholz, an das ich mich klammere und das dafür sorgt, dass ich nicht jämmerlich ersaufe. In der Auseinandersetzung mit dem Tod gibt es keine erhabenen Gefühle wie Überlegenheit.

Mein liebster Mensch, wenn meine Oma stirbt, ist alles anders.

Vielleicht.

Wenns nach mir ginge, wäre alles anders.
Dann würden meine Mutter und mein Bruder noch leben.
Mein Opa wäre noch da. Omi Paula besässe noch ihre Erinnerungen an mich. Alle wären glücklich.
Ich wäre auf ewig ein Kind von sechs Jahren, ohne Narben, ohne Zukunft, geliebt, verwöhnt und zufrieden.

Doch irgendwie ist das Leben wohl anders gedacht.
Ich denke oft darüber nach, warum mich der Tod meiner Mutter und meines Bruders so mitnimmt. Das Leben geht doch weiter. Ich lebe gerne.
Trotzdem berührt es mich. Mein Leben ist nicht mehr oberflächlich. Im Gegenteil. Weniger denn je mag ich mich mit Menschen umgeben, die die Tiefe scheuen.
Am liebsten spreche ich mit Menschen, die ähnliches erlebt haben. Ich erkenne mich wieder. Ich brauche nichts zu erklären. Alles ist gesagt ohne viel Worte.

Ich hab hart daran zu beissen, dass mein Omi langsam stirbt. Ich bin zwar dankbar, dass ich jeden Tag Abschied nehmen kann und muss. Aber manchmal wünschte ich mir, es wäre alles anders. Leichter.

Vielleicht wäre ich ohne all das ein anderer Mensch. Freundlicher. Offener. Weniger grüblerisch. Vielleicht ist das alles aber auch ein Geschenk, damit ich wirklich im Moment lebe.

Gernhaben und verlieren und loslassen

Ich bin so froh, dass meine Oma wieder im Pflegeheim ist. Ich wage sogar zu sagen, dass sie daheim ist.

Oma, oder auf Schweizerdeutsch „Omi“, wirkt zufrieden. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl und schaut fern. Früher war das einer liebsten Hobbies, welchem sie mit viel schlechtem Gewissen nachging. Heute verfolgt sie zwar den Film, aber sie versteht ihn nicht mehr. Musik liebt sie. Manchmal summt sie.

Ich spreche mit der Pflegenden. Was soll ich sagen? Ich bin so dankbar, dass meine liebe Omi in dieser Phase ihres Lebens von so freundlichen, verständnisvollen und engagierten Pflegenden begleitet wird.

Wir reden über ihren Gesundheitszustand. Ich erfahre, dass Omi trotz Schmerzmitteln immer wieder starke Schmerzen hat. Sie erträgt sie mit wenig Jammern. Die Pflegende sagt zu mir: „Ihre Oma hätte die Tapferkeitsmedaille verdient. Sie macht das ganz prima.“

So ist meine Oma, wie ich sie seit jeher kenne. Aber ich ahne, da kommt noch mehr.
An Tagen, an denen Oma starke Schmerzen hat, wünscht sie sich, dass sie einfach einschlafen kann. Was soll ich sagen?

Natürlich wünsche ich ihr auch, dass sie einfach so einschläft. Ich verabschiede mich jedes Mal, als wenns das letzte Mal wäre. Das bin ich ihr schuldig. Ich umarm sie und streichle ihre dünnen Arme.

Sie lächelt.
„Behandelst du mich?“, fragt sie ernst.
„Nein“, sage ich, „ich wollte dich nur umarmen und streicheln. Aber ich traue mich nicht.“
Sie lacht.
„Ich habs gern, wenn man mich streichelt“, sagt sie.

Omi ist so zerbrechlich.
Mehr kann ich im Moment nicht dazu schreiben.
Was soll ich sagen?

 

20140614_103309 (450x800)

14. Juni 2014

Hausträume

In unregelmässigen Abständen träume ich davon, wie ich das Haus räume. Das sind jeweils sehr anstrengende Nächte, denn am nächsten Morgen tut mir alles weh. Es scheint so, als würde ich nachts das tun, was ich mir tagsüber wünsche.

Einmal mehr räumte ich die Winde auf. Sie ist komplett leer und ich kann endlich überprüfen, wie die Wände gebaut sind. Ich entsorge unpassende Regale, Müll und stehe vor dem kleinen Raum, der vor 175 Jahren wahrscheinlich als Abtritt gebaut worden war. Jahrelang hat meine Oma in diesem Raum Reinigungsgeräte aufbewahrt. Jetzt stehen alte Koffer darin herum.

Im Traum trage ich sie heraus auf die Terrasse, wo alles zu Staub zerfällt. Ich putze die Fenster, sauge den Boden und streiche die Wände. Ich will Helligkeit.

Mit einem Mal bin ich wieder wach. Heute werde ich nicht zum Haus fahren. Ich arbeite. Aber an die hellen Wände werd ich denken.

Sehnsucht

An Tagen wie diesen denke ich sehr oft an meine Mutter. Erdbeeren.
Sie hat sie jeweils für mich gepflückt und mir zu essen gegeben, weil sie wusste, dass ich sie so gerne habe.

Es ist bestimmt bald 25 Jahre her, es war ein Mittwoch, so wie heute, im Juni. Omi Paula besuchte uns. Wir redeten, tranken Kaffee. Ich war knapp zwölf Jahre alt.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen auf dem Balkon. Die Katzen strichen um unsere Beine. Negi und Mauzi. Meine Mutter tadelte mich, wenn ich Mauzi aufhob und sie an den Tisch nahm.

„Sie stinkt“, sagte sie.
Ich wusste genau, dass Mami und Mauzi das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Mauzi war mir meine liebste Freundin in jener Zeit.

Mami tischt Dessert auf. Sie war eine wunderbare Köchin.
Wir sitzen da und ich geniesse jenen Moment der Ruhe, denn ich weiss genau, dass, sobald Omi weg ist, meine Mutter ihr wahres Gesicht zeigt.

Meine Mutter konnte sich nur schlecht beherrschen. Der Alkohol machte sie zu einem komplett unberechenbaren Menschen. Die Katze und ich bekamen das oft genug zu spüren. Manchmal, wenn mir alles von den Schlägen wehtat und ich weinend im Bett lag, kam Mauzi in mein Bett. Sie stupste mich mit ihrer rosafarbenen Nase an und leckte meine Tränen weg. Dann stellte ich mir vor, dass Mauzi eine verzauberte Fee und ich in Wirklichkeit ihre verzauberte Tochter war.

Es ist eine seltsame Sache, doch bis auf Omi Paula und ich sind alle tot: Mauzi, Negi, und meine Mutter. Und Paula erinnert sich nicht mehr. Nur ich weiss noch.

Meine Spiegel

Omi Paula und ich gleichen uns.
Wir haben beide markante Nasen. Dickes Haar.
Unsere Augenfarbe ist fast gleich:
graugrünbraun

Als sie noch jünger war, war sie eine grossgewachsene Frau. So wie ich jetzt. Sie war immer eine stattliche Person. Sie war nicht pummelig, nicht dick, besass eine Figur. So wie ich.

Omas Kleider hängen im Schrank. Sie wollte sie nicht mitnehmen ins Pflegeheim. Sie passt längst nicht mehr hinein. Sie ist kleiner geworden, dünner.
In meinen beiden Familien sind die Frauen rundlich gewesen. Sie hatten Hüftspeck und Brüste. Warum also sollte ich aus der Art schlagen?

Wenn ich Photos von Paula und meiner anderen Oma Ida anschaue, erblicke ich mich selber. Ich mache mir wenig Gedanken über meine Figur. Ich arbeite. Ich denke nach. Ich schreibe.

Ich muss sehr oft an Ida denken. Sie ist die Mutter meines Vaters. Wie war ihr Leben? Wie hat sie gearbeitet? Welche Gedanken hat sie sich gemacht?
Ich hätte so gerne noch einmal mit ihr geredet und ihre Stimme gehört.

uschi_ida_wetzikon2

meine Mutter und Omi Ida

paula, uschi und rosa

Uromi Röös, meine Mutter und Paula