Der weitervererbte Gesichtsausdruck

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand der Zahnarzt heraus, dass ich unter einer Fehlentwicklung meines Kiefers litt. Auf alten Bildern meines Uropas Henri kann ich gut erkennen, dass er mir seine Kieferform einfach „weitervererbt“ hat.

„Leiden“ ist ein Ausdruck, den ich nicht mag. Aber in dem Fall traf er zu. Aber das wusste ich als Kind noch nicht. Ich wurde älter und mein Unterkiefer schob sich immer mehr hervor.

Oft wurde ich angesprochen, warum ich so bös drein schaue und nicht lache. Nun ja, damit fällt einem das Lachen schwer. Und noch schlimmer: auch das Essen wird zur Qual.

Je älter ich wurde, desto mehr kriegte ich Schmerzen in den Kiefergelenken. Doch aus Sicht des Kieferorthopäden war klar, dass man meinen Kiefer erst nach Ende meiner körperlichen Entwicklung operieren würde.

Mit 17 kriegte ich eine Spange, um meine krummen Zähne in Reih und Glied zu pressen. Mit 17 knutscht man normalerweise rum. Doch ich trug stolz meine metallene Verdrahtung herum. Ich wusste, es lohnt sich. Irgendwann würde ich besser aussehen.

Als ich 19 Jahre alt war, trat ich ins Spital ein. Vorher hatte ich meinen Besitz geregelt. Ich war überzeugt, ich würde bei der OP sterben. Man hatte mich über alles aufgeklärt. Aber das war mir egal. Ich hatte schrecklichen Liebeskummer und ich war bereit, zu gehen.

Ich erwachte wieder. Natürlich. Denn sonst könnte ich ja das hier nicht schreiben. Ich war eine andere. Nach einer OP im Gesicht ist man zuerst einmal entstellt. Mein Gesicht war geschwollen. Ich konnte nicht mehr reden. Die Schmerzen waren unerträglich. Dazu kam, dass mein Ober- mit dem Unterkiefer verdrahtet war. Ich konnte den Mund nicht mehr öffnen, nicht mehr essen, nur noch trinken.

Sechs Wochen lang lief ich so herum und fühlte mich wie der Eisenbeisser. Dann klangen die Post-Op-Symptome ab und ich sah zum ersten Mal mein Gesicht, wie es ohne den hervorstehenden Kiefer aussah.
Ich erkannte mich nicht wieder. Mit einem Mal war ich schön, nicht mehr mit einem bösartigen Ausdruck gesegnet.

Eine der Nebenwirkungen der OP ist die Ageusie. Ich wusste, dass es mich treffen könnte. Nicht mehr schmecken zu können, ist eine seltsame Sache, Erdbeeren nicht von Basilikum auseinander halten, eine andere. Kochen kann ich nur, wenn ich mich streng an Rezepte halte. Salz schmecke ich nicht mehr. Nur noch Zucker. Den hasse ich.

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