Meine Konfirmation

1993 wurde ich konfirmiert. Es war sozusagen der erste und der letzte grosse religiöse Moment in meinem Leben. Monatelang dauerten die Vorbereitungen für dieses Ereignis. Während meine Konfklass-Kolleginnen mit ihren Müttern wild shoppen gingen und in modischen Wunderwerken am grossen Tag auftauchten, bestimmte meine Mutter mein Outfit. Ich würde einen schwarzen Minirock und einen schwarzen Blazer tragen. Das konnte man nämlich auch nachher nochmals verwenden. Das Top durfte ich mir selber unter der Voraussetzung aussuchen, dass ich kein rotes wählen würde. Ich wählte Türkis! Alle Kleider wurden aus dem Katalog bestellt. Einzig die Schuhe durfte ich frei wählen. Ich habe mir Pumps aus verschiedenfarbigem Leder gekauft. Mit Spitzen. Sie kosteten 99.-. Das war damals viel Geld! Ich hab sie noch jahrelang getragen.

Ich erinnere mich daran, wie sehr ich den Herrn Pfarrer gemocht habe. Er war, aus meiner Sicht damals, steinalt. In Wirklichkeit war er Mitte 70 und ein Ausbund an Humor, Weisheit und Intelligenz. Zudem besass er die blechernste Stimme und den wunderbarsten Basler Dialekt, den ich jemals in meinem Leben gehört hatte. Ich hatte ihn schätzen gelernt, weil er im Gegensatz zu all den Lehrern an der Schule nie versucht hat, mir das Lesen in den Pausen zu verbieten, bzw. ermutigte und verstand sogar meine Leidenschaft in Sachen Archäologie und Ägyptologie.

Dass ich ihm mitgeteilt hatte, dass ich beabsichtigte, Schriftstellerin zu werden, hat er nie lächerlich gemacht. Im Gegenteil. Irgendwo schwirrt sogar noch sein Gedichtlein über unsere Konfklasse im Estrich herum, wo er auf Mittelhochdeutsch über meine Zukunft als Autorin philosophierte. Er liess mich sogar eine Kurzgeschichte über T.E. Lawrence (und das mitten im Golfkrieg!) vortragen. Das hat mein Selbstvertrauen gestärkt, wofür ich ihm heute noch sehr dankbar bin.

An der Konfirmation durfte ich einen Monolog vortragen. Mir scheint im Rückblick, dass er mich in kurzer Zeit sehr gut beruflich gesehen einschätzen konnte. Wenn ich den Monolog finde, werde ich ihn einscannen und hochladen… Gelernt habe ich den Text, indem ich nonstop einen Song hörte, den ich kurze Zeit zuvor nachts im Radio gehört und auf Kassette aufgenommen hatte.

Sehr glücklich gemacht hat mich die Tatsache, dass Paula mit an der Konfirmation dabei war. Das war nicht selbstverständlich, denn meine Mutter und Paula tätschten in der Zeit davor mehr als einmal gewaltig zusammen.

Nach der Konfirmation, die wohl irgendwie meinen Eintritt ins Erwachsenenleben signalisieren sollte, damals hatte man mit 16 noch keinen Geschlechtsverkehr!, traf sich die ganze Familie im Gasthof Hirschen. Das heisst: meine Eltern, Paula, meine Schwester, meine Gotte und der Götti meiner kleinen Schwester. Walter, mein Opa, wollte den weiten Weg vom Toggenburg in den Thurgau nicht auf sich nehmen. Mit der Familie meines Vater hatte ich keinen Kontakt mehr. Ich fand das ein wenig bedrückend, denn ich bekam wohl mit, dass meine Konfklasskollegen sehr viel mehr Familienangehörige hatten. Ich überlegte damals, dass ich, falls ich mal heiraten würde, ein sehr günstiges Fest würde feiern können. Ich trank das erste Mal in meinem Leben Alkohol; einen Cynar. Für mich gabs einen Bündnerfleischteller, während die anderen irgendwas anderes essen mussten. Die Speisekarte von damals hab ich in mein Tagebuch eingeklebt.

Was geblieben ist von dem grossen Tag?
Sechs Jahre später bin ich zur Kirche ausgetreten. Ich fand vieles unehrlich und intolerant. Cynar mag ich bis heute nicht. Bündnerfleisch und gutes Essen schon. Den Pfarrer hab ich nach der Konfirmation nie mehr gesehen. Leider ist er kurze Zeit später an Krebs gestorben. Er fehlt mir noch heute.

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3 Gedanken zu “Meine Konfirmation

  1. wow – sehr ergreifend: Deine Kolumne und Deine Posts. Gib den armen Pfarrpersonen (es gibt jetzt auch Frauen) wieder mal ne Chance. Es gat viele Nette drunter und sie brauchen dringend Leute wie Dich, die den Gedanken auf den Punkt bringen. Merci.

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  2. Rahmschnitzel. Ich habe mir Rahmschnitzel mit Nudeln gewünscht und mein Götti brachte seine neue Freundin mit, die hatte schon ein Kind von einem anderen. Das war dann irgendwie das wichtigere Thema als mein Eintritt ins Erwachsenenleben. Aber der gespritzte Weisse im Apéro war fein.

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  3. An meiner Konf wurde die beginnende Demenz von Vaters Pflegemutter das erste Mal für uns alle sichtbar. Wir spielten damals nach dem Essen ein Spiel, da musste man in die Hände Klatschen und durchzählen, eins nach dem anderen. Bei allen Zahlen, die eine 8 enthielt, wechselte die Richtung, bei zahlen, die eine 7 enthielt, musste man statt der Zahl sagen: Büsi geht nach links – oder Büsi geht nach rechts – und dann musste der entsprechende Sitznachbar reagieren (es gab noch mehr Regeln, aber die habe ich vergessen). Jedenfalls machte Müeti Bieu am Anfang recht gut mit, rief dann aber plötzlich laut in die Runde: s Büsi goht nach Luzärn! – Wie lachten alle – und merkten erst an ihrem entsetzten Gesicht, dass das offenbar kein Witz sein sollte. Sie war sehr verstört …

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