Paula, der liebe Gott, die Jungfrau Maria und ich

Paula war stets umgeben von ihren Heiligen und der Muttergottes. Wenn wir am Stadtweiher von Wil spazierten, besuchten wir jedes Mal die grosse Holzstatue des Christophorus. Paula erzählte mir dann in bunten Worten, wie dieser auf seinen Schultern das Jesuskind und die ganze Welt getragen hatten. Das kam mir zwar immer etwas übertrieben vor, doch die Statue, die nun im Stadttor steht, gefällt mir noch heute.

Paulas gute Beziehung zum St. Christophorus war alt: schon als ich noch ein Kind war, hat sie immer zuerst mit ihm geredet, wenn sie ihren Schlüssel, ihr Portemonnaie oder eine Rechnung nicht mehr fand. Als Paula dann älter (und vergesslicher) wurde, hat sie sehr oft mit ihm geredet.

Mein Vater erzählte mir unlängst eine Geschichte, die mich sehr nachdenklich gemacht hat: so wollte Paula wohl einige Tage nach meiner Geburt dafür sorgen, dass ich katholisch getauft werde, obwohl meine Eltern das anders abgemacht hatten: mein Vater war Protestant, meine Mutter nicht-praktizierende Katholikin.

Dies hat wohl nicht wirklich dazu beigetragen, dass meine religiöse Erziehung problemlos vonstatten ging. Da war einerseits mein sehr nüchterner Vater, der dem ganzen Tand und den Ritualen in Kirchen weniger als nichts abgewinnen konnte. Andererseits war da Paula, die mir Geschichten von ihren Pilgerreisen nach Rom und Lourdes erzählte und die sich immer so sehr gewünscht hatte, mit mir dahin zu fahren.

Zwischendrin war ich. Ich war ein braves Kind, liebte die Sonntagsschule, weil die Sonntagsschullehrerin eine alte, liebe Frau mit einer tollen Stimme war und wunderbar Geschichten erzählen konnte. Ich sah ihr nach, dass nach den Geschichten das „Negerkässeli“ die Runde machte. Der weissgekleidete, schwarze Junge, der für jeden Rappen den Kopf wie ein Wackeldackel bewegte, tat mir leid.

Ein anderer Grund für meine Besuche in der Sonntagsschule war der Friedhof, der sich gleich neben der Sonntagsschule befand. Dort lag nämlich mein Bruder. Dem erzählte niemand Geschichten. Darum tat ich das jeweils, was dazu führte, dass ich meistens nicht pünktlich nach Hause kam.

Mein kindlicher Glaube liess mit elf Jahren nach. Zuviel passiert, als dass ich noch an irgendeinen lieben Gott, einen auf Wasser wandelnden Jesus und die jungfräuliche Maria glauben konnte.
Paula hat meinen Austritt aus der Kirche zur Kenntnis genommen. Meinen Marien-Anhänger hat sie aufgehoben und mir vor über einem Jahr wieder geschenkt. Paula gibt (mich) nicht auf.

Wil 2010 (77)

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