Meine Mutter, der Tod, die Schuld und ich

1979 war ich gerade mal zwei Jahre alt.
Meine Mutter war schwanger.
Sie wirkte so glücklich. Zufrieden. Sie strahlte.
Schwangere Frauen stehen unter Naturschutz.

Ich erinnere mich an jene Nacht, als sie meinen Bruder gebar. Ich war zwei Jahre alt. Mein Vater wurde von einem Telephonanruf alarmiert. Irgendwas war mit meinem Bruder. Mein Vater rief panisch Paula an.

Als meine Paula da war, verschwand mein Vater. Er wirkte gehetzt. Ängstlich. Er fuhr wie ein Irrer nach Frauenfeld. Dort lagen meine Mutter und mein Bruder im Spital.

Mein Bruder war tot.
Ich begriff lange nicht, was das bedeutete.
Ich verstand nicht, warum meine Mutter ohne ihn zurückkehrte.
Warum meine Eltern so lange weinten.
Und irgendwann gar nicht mehr.

Erst viele Jahre später erzählten mir zuerst meine Mutter, dann mein Vater die wahre Geschichte.

Mein Bruder wurde gesund geboren, im Gegensatz zu mir.
Trotzdem starb er drei Tage nach seiner Geburt.
Für die Ärzte war rasch klar, dass nur meine Mutter daran Schuld haben konnte.
Sie war Raucherin.
Sie haben es ihr an den Kopf geknallt, so wie man eine Hexe auf dem Scheiterhaufen anzündet. Sie hat es nie verarbeitet.

Als mein geliebter Vater in Frauenfeld ankam, fand er meine Mutter alleine auf dem Balkon vor. Sie hatte versucht, sich umzubringen, indem sie sich vom Balkon stürzen wollte. Nur seine Anwesenheit und seine Geistesgegenwärtigkeit haben dieses Unglück verhindert. Die Scham, die Demütigung, die Verantwortung am Tode meines Bruders schuldig zu sein, hat sie bis zum Ende ihres Lebens nicht verarbeitet.
Auch ich kann das nicht vergeben. Ich weiss bis heute nicht, was tatsächlich die Todesursache für den Tod meines Bruders Sven ist.

Aber ich weiss, dass es schändlich von Seiten der Ärzte war, meine Mutter, eine junge Frau, zu beschuldigen. Leider weiss ich nicht, wer dieses medizinische Urteil über meine Mutter gefällt hat.

Es hat mein Leben, das meiner Schwester und das meiner Eltern zerstört. Das ist unentschuldbar.

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Weihnachtsgefühle

Seit frühester Kindheit kaufte ich immer mit Paula ein.
Wir liebten es besonders durch Haushaltsabteilungen grosser Kaufhäuser zu laufen.
Paula und ich marschierten ernsten Blickes durch Ausstellungen jeglicher Geschirrsorten, Teppiche, Mercerie und Gebrauchsgegenstände.
Paula trug meistens ihren dunkelblauen Blazer und musterte alles, was ihr unter die Finger kam. Mit ihr war Einkaufen wirklich ein Erlebnis.

Als ich noch in der Lehre und später im Praktikum war und kaum Geld hatte, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, griff sie mir oft unter die Arme. Sie schenkte mir Lebensmittel, die ich mir damals unmöglich hätte leisten können.
Immer hat sie für mich gesorgt. Nie hat sie irgendwas bemängelt, was ich tat.

Ich vermisse die Weihnachtseinkäufe mit ihr. Ich vermisse ihre Pakete, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, Weihnachtsfilme schauen mit ihr, ihre Umarmungen, ihre Stimme, wenn sie Weihnachtslieder sang.

An Weihnachten 93 kehrte ich vom Welschlandjahr nach Hause zurück und merkte, dass die Ehe meiner Eltern am Ende war. Scheidung. Was für ein schlimmes Wort als Ausdruck erloschener Liebe.

Ich muss an das letzte Weihnachten mit Paula und Walter denken. 1996. Er lag im Bett. Wir wussten, er stirbt bald. Es würde noch genau 13 Tage bis zu seinem Tod dauern. Alles ging so furchtbar schnell und doch sehr langsam.
Das Haus war mit einem Male ruhig.

Ich war noch nicht mal 20 Jahre alt, als mein Opa starb. Jetzt bin ich 36. Alles liegt offen vor mir. Was wird werden in einem halben Jahr? In einem Jahr? Werde ich bald alleine sein, ohne meine Familie, die ich über alles liebe? Wo werde ich in 20 Jahren sein?