Das Weihnachtsessen

Ich gebe es unumwunden zu; ich hatte gestern Angst.
Der Gedanke, ins Toggenburg zu fahren, zu Paula, bereitete mir grosses Magenweh. Schon wieder ein Abend, den ich nicht zuhause verbringen würde. Eine Stunde hin. Eine Stunde zurück. Und heute würde ich einen langen Tag haben.

Alles Ausreden. Das weiss ich jetzt.
Ich hatte Angst, Paula zu sehen, weil ich mich nur schwer daran gewöhnen kann, dass ihr Weg ein anderer ist als meiner.

Wir fahren als ins Toggenburg, vorbei am Haus. Die beleuchteten Strassen heimeln mich an. Es ist wie in meiner Kindheit. Nur das Haus ist dunkel.

Im Pflegeheim steht Paula. Sie sieht überrascht aus, sagt, uns hätte sie ersehnt, aber nicht erwartet. Die alten Menschen, die nicht immer zufrieden wirken, sehen für einmal entspannt aus. Viele Verwandte sind eingetroffen, sitzen da neben ihren betagten Eltern oder Grosseltern. Die Stimmung ist herzlich.

Wir kriegen Wein, Paula trinkt Traubensaft. Dann gibt es mehrere Gänge zu essen, von denen einer besser ist als der andere. Das Essen ist schmackhaft, gut zu zerkauen. Mir fällt auf, dass Paula Mühe hat, Besteck zu benutzen. Ein nächster Schritt.

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Sie, die immer so auf Manieren geachtet hat, streicht mit den langen, schönen Fingern auf den Tellern herum, leckt sich Schoggisauce von den Fingerkuppen. Sie kennt auch die Funktion der Serviette nicht mehr. Ich helfe ihr. Sie hat ein wenig Mühe zu schlucken. Eigentlich mag sie nach der Vorspeise nicht mehr essen. Doch da ihr weiter freundlich Essen angeboten wird, isst sie. Einmal würgt sie. Sascha sagt ihr, dass sie nicht essen muss, wenn sie nicht mehr mag.

Mag sie noch? Oder ist der Gedanke, dass Essen auf unseren Tellern verdirbt, nicht unerträglich für sie, einen Menschen, der als Kind Hunger leiden musste?

Am Tisch nebenan sitzt ein kleines Kind. Paula ist hin und weg. Sie macht Faxen und freut sich riesig. Auch als das Kind zu kreischen beginnt, verliert sie ihre gute Laune nicht. Irgendwann blickt sie mich an und meint:
„Sag mal, Mädchen, bist du breiter geworden?“ Sie blickt ungeniert auf meinen Bauch. Was soll ich ihr sagen? Ja. Nein. Ist doch unwichtig.

Ich gehe auf die Toilette. Sascha sagt mir später, dass sie ihn unumwunden gefragt hat, ob ich schwanger sei. Als er nein sagt, entschuldigt sie sich höflich für die Frage. Für den Rest des Abends schaut sie nicht mehr auf meinen Bauch, winkt aber jedem zu, der auch nur in ihre Richtung schaut.

Wir fahren nach Hause.
Am Haus vorbei. Es ist dunkel. Sascha und ich schauen uns an.
„Vielleicht ist es nächstes Jahr um die Zeit beleuchtet.“

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