Der Tanz um die Zähne

In meiner Familie sind Zähne so eine Art Tabuthema.
ich wuchs mit fehlenden Backenzähnen und herrlich schiefen Schneidezähnen auf. Die Besuche in der Schulzahnklinik, ebenso die Begegnung mit tschechischen Zahnärztinnen, hat mich wesentlich und nicht im positiven geprägt. Für meine Eltern war das anfangs der 90er ein Grund, mich zum Kieferorthopäden zu schicken und mir eine Spange zu besorgen. Ich bin ihnen beiden noch heute zutiefst dankbar.

Doch woher kommt dieser Tanz um die schönen Zähne?
Von meines Vaters Seite her kann’s nicht kommen. Da erweisen sich die Vorfahren als zähe Beisser mit festen Zähnen.
Ganz anders sieht auf Mutter’s Seite aus:
Meine Mutter verlor während ihrer Schwangerschaft mit mir praktisch alle Zähne. Da war sie gerade mal 26 Jahre alt. Meine Grossmutter verlor alle Zähne in den Kriegsjahren, als sie an einer Hirnhautentzündung erkrankte. Ich mag gar nicht dran denken, wie sie so durch ihre Jugend kam. Ich bemerke allerdings auch heute noch, wie grosse Sorge sie ihren (künstlichen) Zähnen trägt.

Mein Grossvater Walter war in den Kriegsjahren gerade mal 20 geworden. Seine Begegnung mit einem Zahnarzt war derart traumatisch, dass er für den Rest seines Lebens keinen mehr aufsuchte.

Ein klein wenig scheine auch ich von dieser Angst ab bekommen zu haben. Obwohl ich das Glück habe, offensichtlich die Zähne meiner Vorfahren väterlicherseits vererbt bekommen zu haben, fürchte ich mich furchtbar vor Zahnarztbesuchen.

Ich schlafe schlecht. Ich schwitze. Ich habe Angst.
Heute war es wieder einmal so weit.
Ich bibberte im Wartezimmer meines (sehr fähigen und sehr netten) Zahnarztes. Ich schaue mich nicht gross um, denn der Zahnhocker für die Kinder, die Bestuhlung und die Zeitschriften verstören mich. Twitter hilft da sehr.

Doch dann holt mich die Dentalhygienikerin aus dem Wartezimmer ab, nett wie immer. Sie lenkt mich von meinen trüben Gedanken ab und das zwar etwas einseitige Gespräch (mein Mund ist voller Schläuche) hilft mir, meine Angst abzubauen. Ich schliesse die Augen und denke an einen schönen Herbsttag. Der Wind bläst mir um die Ohren. Ich entspanne mich.
Ich denke an schönere Dinge als die Geräusche. Zum ersten Mal seit Jahren laufen mir keine Tränen mehr übers Gesicht. Endlich Heilung von all diesen vererbten Gefühlen?

Dann ist die Behandlung zu Ende. Ich kann wieder meines Weges gehen und ich besitze noch immer alle meine Zähne. Als ich in mein Auto steige, wünschte ich mir für einen kurzen Moment, dass auch meine Vorfahren einen so netten, fähigen Zahnarzt gehabt hätten.

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Ein Gedanke zu “Der Tanz um die Zähne

  1. Schräg, in meiner Familie spielten Zähne auch immer eine wichtige Rolle. Ich kannte meine Großmutter nur mit »Dritten«, mein Vater war stolzer Träger des Ehrenordens zweiten Grades der Ritter der nikotingelben Gebissruinen, aber meine Mutter war da eisern.

    Das hatte bei mir abgefärbt. Bis die Weißheitszähe raus mussten. Das hatte mich dermaßen … schockiert, besonders die Wochen und Monate danach, dass ich fast 10 Jahre nicht mehr zum Zahni ging. Es, nun ja, ging einfach nicht.

    Ich hatte Glück, nur drei Löcher. Dann eine wirklich gute Zahnärztin, ohne Moralpredigten (wie ich es von der Mutter kannte) oder zu flapsigem Umgang (siehe Vater). Sondern … normal? Ja.

    Ein Besuch beim Zahnarzt ist für mich mittlerweile keine Belastung mehr. Was seit der 3-Loch-Sache geholfen hat waren die Goldberg-Variationen, die während den zwei Stunden damals ich im Kopf durchging.

    Aber dem Kieferchirurgen, der mir die Weisheitszähne »extrahierte«, würde ich gerne mal eine Horrorstory widmen. Der unterhielt sich mit den Helfern über seinen letzten Thailand-Urlaub, während die Knochensäge zu stinken anfing. Mein Vater hätte wohl darüber gelacht, meine Mutter ihn gedatet. Aber ich kann so etwas nicht ab.

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