Unser dreier Leben

Als ich heute morgen um 6.15 das Haus verliess, erstarrte ich. Über mir war der Himmel voller Sterne. So hatte ich ihn noch nie gesehen im Oktober.

Anders als andere Jahre habe ich heute gearbeitet. Ganz bewusst. Ich wollte eintauchen in Beschäftigung und nicht in trüben Gedanken herumwühlen. Anders als in anderen Jahren trug ich heute keine schwarze Kleidung.

Erstaunlicherweise hat das geklappt.
Ich war ganz bei mir. Konzentriert. Zufrieden.

Schon am Vormittag leuchtete die Landschaft um mich herum. Schon lange nicht mehr sah ich all diese Farben. Als ich Feierabend hatte und von Weinfelden über Land in Richtung Frauenfeld fuhr, war ich ergriffen von der Schönheit der Gegend. Jetzt, wo die Felder abgeerntet sind, sieht man erst, wie sanft gewellt die Böden sind.

Ich musste daran denken, dass vor sechs Jahren dichter Nebel geherrscht hatte. Erst kurz vor Uschis Todesminute lichtete er sich langsam. Die Sonne schien schüchtern.

Paula und ich hatten seit dem Vormittag gemeinsam an Uschis Sterbebett gesessen. Immer wieder hielten wir inne, wenn ihr Atem aussetzte. Meine Grossmutter und ich wussten, dass Uschi schon ganz nah an der Schwelle des Todes stand.

Als es schliesslich soweit war, die Pflegende hatte meine Mutter gerade umlagern wollen, ging es sehr rasch. Uschi blickte uns aus ihren braunen Augen traurig an. Nach einem letzten tiefen Atemzug war Stille. Aus ihrem einen Auge trat eine gelbe Träne.

Nachdem meine Mutter also gestorben war, öffneten Paula und ich das Fenster. Paula und ich blickten uns an. und umarmten uns. Wir hatten das Selbe gedacht: „Uschi will jetzt bestimmt eins rauchen gehen!“

Mein damaliger Freund kam zu spät.
Aber ich bin nicht unglücklich, dass ich diesen Moment des Übergangs mit meiner Mutter und meiner Grossmutter alleine teilen konnte. Für mich war der Ort von Uschis Sterben mehrfach emotional. Sie starb einige Meter entfernt von dem Ort, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Ihr eigener Geburtsort lag ebenfalls einige hundert Meter weit weg. Es schien mir, als hätte sich unser dreier Leben auf diesen Ort konzentriert. Loslassen und festhalten.

Ich bin dankbar, dass ich bei ihrem Tod dabei sein durfte und sehe es als ein letztes Liebesgeschenk meiner Mutter an. Dass wir nur drei Monate Zeit hatten, uns als Mutter und Tochter wiederzufinden, ist zwar traurig, aber in letzter Instanz dennoch tröstlich. Ich wünschte mir, sie wäre jetzt hier und könnte mich sehen.

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2 Gedanken zu “Unser dreier Leben

  1. bei mir war es umgekehrt: Mutter und ich haben meine Grossmutter in den Tod begleitet. Es wäre schön, wenn man das immer so machen könnte. Schön für die Sterbenden, weil sie nicht allein wären und schön für die Bleibenden weil sie wüssten, dass der Sterbende nicht allein gehen musste.

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