Ende September

Ich hatte Angst, heute Paula wiederzusehen.
Wie erging es ihr?
Wie hat sie sich von ihrem Knochenbruch erholt?
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich die grösste Angst, sie bleich und eingefallen in ihrem Bett aufzufinden. Es erinnert mich zu sehr ans Sterben meiner Mutter. Dazu bin ich nicht bereit. Noch nicht.

Doch heute war es anders.
Sie war nicht in ihrem Zimmer.
Sie sass im Fernsehzimmer unter all den anderen älteren Herrschaften, gebeugt über ihren Rollator und schnarchte leise.
Ich war gerührt. Meine Paula.
Sie hält sich unter anderen Menschen auf. Freiwillig!

Neben ihr sitzt ein gutaussehender, sehr alter Herr.
Er blickt uns aus Uhu-Augen an, als wir Paula anstupsen.
Paula wacht auf und strahlt mich an.
„Das ist meine Enkelin Zora!“, ruft sie laut, so dass auch die letzte dösende Heimbewohnerin die Augen öffnet.
Wir umarmen uns. Paula strahlt, steht auf.

Sie kann wieder laufen.
Zwar bewegt sie sich wie jemand, der was gebrochen hat, aber: sie läuft.
Ihr Sesselnachbar brummelt was unverständliches, als Paula ohne ihren Rollator davon marschieren will.
Er scheint, offensichtlich, besorgt. Oder ordentlich. Oder beides.

Paula will mit uns in ihr Zimmer rauf.
Wir benützen den Lift.
Paula fragt uns, ob wir ein Bierchen trinken wollen.
Sowas hat sie seit Sommer 1989 nicht mehr getan.
Ich erinnere mich nämlich genau.
An dem Tag hörte sie von einem auf den anderen Tag auf, ihr tägliches Spezli zu trinken. Die jahrelange Alkoholabhängigkeit meines Grossvaters und eine Bemerkung meiner damals achtjährigen Schwester „Omi, du riechst nach Bier“, hatte sie absolut abstinent gemacht.

Ich bin ein wenig sprachlos.
Aber nicht lange.
Wir sitzen in Paulas Zimmer, das nun sehr viel anders aussieht als noch vor ein paar Wochen. Vor ihrem Bett liegt nun eine Matte. Rutschfest und offensichtlich mit Sensoren dran.

Wir reden.
Also: eigentlich redet Paula.
Sie spricht ohne Punkt und Komma. Keine vollständigen Sätze.
Ich verstehe den Sinn nicht.
Sie redet über ihre Geschwister. Für sie leben sie alle noch.
Um sie ein wenig zu bremsen, erzähle ich ihr die Geschichte von ihr und meinem Opa. Paula grinst.

„Die Geschichte kenn ich. Die hast du mir schon ein paar Mal erzählt.“

Ich muss dran denken, dass Walter und Paula sie mir jeweils erzählt haben, als ich noch ein kleines Mädchen war. Wie sehr wir gelacht haben! Ich schliesse die Augen. Höre Paula zu.

Ihre Sprache verstehe ich nicht mehr Wort für Wort.
Ich wende Validation an. Naomi Feil. Meine Ausbildung hilft mir weiter.
Aber sie täuscht nicht über meinen Schmerz hinweg, Paula täglich ein Stück weiter zu verlieren.

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