Mein Bruder Sven und ich.

Als ich noch ein Kind war, wurde der Friedhof meines Dorfes zu einem meiner liebsten Plätze. Schliesslich lag dort mein Bruder begraben.

Ich fand es ganz normal, nach dem Kindergarten, der gleich neben der Kirche lag, auf dem Friedhof vorbei zu gehen. Schliesslich spielten auch alle anderen Schulfreunde nach der Schule mit ihren Geschwistern. Bei meinem Bruder und mir allerdings lag der Fall, aus Gründen, etwas anders.

Ich habe mich meistens neben seinem Grab hingehockt und ihm erzählt, was ich in der Schule gemacht habe. Ich fand es schrecklich, dass er nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen konnte. Zwar hatte ich begriffen, dass der Tod eine endgültige Sache war, doch irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, dass er irgendwann doch zurückkehren würde.

Meine Gespräche mit meinem Bruder dauerten lange. Als wir 1985 fort zogen, konnte ich nicht verstehen, warum wir ihn (und sein Grab) nicht mitnahmen. Ich war wütend auf meine Eltern.

Am neuen Ort, wo mich niemand kannte und auch niemand um meinen Bruder wusste, stiess ich auf Widerstand. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, die uns Zweitlklässler aufforderte, ein Stammblatt auszufüllen. Als ich darauf meinen Bruder als eines meiner Geschwister erwähnte und hinter seinem Namen ein Kreuz machte, wurde die Lehrerin ungehalten. Sie fand, ich dürfte ihn nicht aufzählen, weil er tot sei. Ich hielt dagegen, dass er immerhin drei Tage gelebt habe. Sie fand das nicht lustig.
Meine erste Strafarbeit erhielt ich dafür, meinen toten Bruder erwähnt zu haben.

Diese Haltung verstärkte sich in all den Jahren. Ich erwähne ihn immer.
Er ist mein Bruder. Ein Teil meiner Familie hat gelebt und ist nun tot.
Ihn zu verschweigen wäre wie eine Lüge über meine Familie.

Ich staune immer wieder über die Reaktionen des Umfelds.
Ein totes Kind darf man nicht erwähnen.
Bringt es Unglück?
Ist es wirklich so, dass ich zulange an Dingen festhalte, die es nicht zu festzuhalten gilt?

Wäre ich eine glücklichere Frau, wenn ich meinen Bruder verschwieg?
Ich behaupte nein.

Mir wäre lieber, er würde leben.
Mir wäre lieber, ich könnte ihn jetzt, gerade in dieser Minute anrufen.
Ich würde ihm erzählen, wie es mir geht, ob ich glücklich bin und ihn um Rat in allen Belangen fragen.

Doch stattdessen fahre ich in mein altes Dorf, jedes Mal hoffend, dass der Grabstein mit der in den Himmel fliegenden Taube noch da steht. 34 Jahre ist es bald her. Was wird sein?

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Ein Gedanke zu “Mein Bruder Sven und ich.

  1. Menschen haben so Angst vor dem Tod, dass sie sogar Sterbenden erzählen, es würde alles wieder ok (meinen damit lebendig), dabei haben Menschen, die gehen, das Bedürfnis darüber zu reden. Leute wie du mit Tiefgang hinterfragen und thematisieren, damit wir Spiritualität (Menschsein) nicht nur an Feiertagen zelebrieren. Danke

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