Die Männer und das Kind

Der zweite Weltkrieg war in meiner Kindheit, die Ende der 70er bis Ende der 80er Jahre stattfand, allgegenwärtig.

Walter, mein Grossvater, war blutjung und unterernährt eingezogen worden. Er hatte wohl Glück und wurde Militärmusiker. Die Bilder von ihm auf dem Pferd, die Trompete in der Hand, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Walter war in Sachen Krieg unbarmherzig und klar. Nie wieder Krieg. Das war sein Credo. Meine Mutter erzählte, dass er ihr den Hintern versohlte, nachdem sie seine Sammelbuchreihe über den Krieg angeschaut hatte. Er wollte nicht, dass sie tote Menschen sieht.

Opa Walter und ich diskutierten sehr viel. Paula meinte mehr als einmal: „Seid ihr schon wieder am Politisieren?“
Ich erinnere mich nicht mehr daran. Opa und ich stritten leidenschaftlich, obwohl wir mehr als einmal der selben Meinung waren.

Opa und ich schauten fürs Leben gerne den Ziischtigsclub und Arena. Opa stand meistens da, mit Pfeife im Mund, mit blitzenden knallblauen Augen, im Blaumann an den grünen Kachelofen gelehnt und brummelte. Seine Stimme, seine lakonischen Kommentare habe ich heute noch in den Ohren.

Der Höhepunkt der politischen Streitereien war jeweils an Weihnachten erreicht. Paula und meine Mutter protestierten lauthals beim Vorbereiten des Weihnachtsessens und bestanden darauf, dass „die Männer und das Kind“ in die Stube „zum Politisieren“ gehen. Dies taten wir auch. Ich habe das so sehr genossen.

Vielleicht reagiere darum heute manchmal genervt, wenn ich mitbekomme, dass gewisse Männer einer Frau (mir!) nicht zutrauen, eine eigene Meinung zu haben. In meiner Familie habe ich das nie erlebt. Dafür bin ich sehr sehr dankbar.

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2 Gedanken zu “Die Männer und das Kind

  1. Meine Großmutter hat 2 Weltkriege überlebt, meine Eltern einen. Sie waren politisch nicht besonders belesen oder engagiert aber auch wir Kinder sind (3 M ., 1 J.) unter dem Credo ‚ nie wieder Krieg‘ aufgewachsen und politische Debatten waren an der Tagesordnung.
    Wir Kinder haben früh gelernt, dass unsere Meinung zählt. Das prägt.
    Eine Kultur, die wir heute an unsere Kinder weiter geben, egal ob Junge oder Mädchen.
    Krieg ist auch heute leider gegenwärtig und hier Gesprächsthema.

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  2. Da meine Eltern ’39 geboren worden sind und Flüchtlinge auf den Höfen hatten, mein Großvater nach 1. Weltkrieg in französischer Gefangenschaft war, war es bei uns ebenfalls ein großes Thema! Und auch hier das Fazit: Nie wieder Krieg! UND nie wieder Menschen nationalistisch entgegentreten!

    Ich hatte das Glück hier offen erzogen worden zu sein. Was von mütterlicher Seite aus druchaus stärker der Fall war!

    Mein Großvater hat durch die eigene Gefangenschaft ein viel größeres Mitempfinden für die Flüchtlinge, Vertriebenen und Deportierten sowie Menschen die hier in Gefangenschaft gerieten, gehabt und dieses Mitempfinden an uns weitergegeben.

    Das Diskutieren über Alles gehört hier zum Alltag! Und es ist wichtig, dass mein 4 Kinder dies lernen.

    Ja es nervt, wenn man als Frau nicht ernst genommen wird. Aber „steter Tropfen höhlt den Stein“, also nicht aufgeben. 😉

    Und für mich sind Menschen, die mich nicht ernst nehmen, eben weil ich eine Frau bin, nicht in der Lage, irgendwen, außer sich selbst; zu akzeptieren. Und Mann kann lernen. 😉

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