Seltsamer August. Teil 1

Der August ist ein seltsamer Monat. Als Kind mochte ich ihn ungemein, denn schliesslich fand ich den ersten August und den Schulanfang toll.

Seit sechs Jahren nehme ich den August anders war. Er hat von seinem kindlichen Glanz eingebüsst.
Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass ich erfuhr, dass meine Mutter todkrank war und nicht mehr lange zu leben hatte. Ich war gerade 30 geworden und hatte keinen Plan, was nun werden würde.

Paula rief mich im Geschäft an. Das war das erste und einzige Mal. Sie sagte nur:
„Deine Mutter ist im Spital. Es geht ihr gar nicht gut.“
Also fuhr ich nach der Arbeit vorbei.
Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf das, was mich in ihrem Krankenzimmer erwartete.
In ihrem Bett lag nämlich ein total abgemagertes, senfgelb gefärbtes Etwas. Meine Mutter. Sterbend.

Ich war so geschockt, dass ich nichts sagen konnte. Ich ging wieder aus dem Zimmer, allerdings mit dem Gefühl, jetzt sofort und ohne jemals wieder aufhören zu können mich zu erbrechen. Die Pflegende reagierte mitleidig.
„Sie haben sie wohl schon länger nicht mehr gesehen?“

Nein. Das hatte ich nicht. Mir war jetzt nämlich auch klar, was da seit einigen Monaten zwischen mir und meiner Mutter gelaufen war. Natürlich wollte ich sie immer wieder besuchen, doch sie fand immer einen Grund, warum es genau jetzt nicht gehen würde. Mal hatte sie Besuch, mal wollte sie wen besuchen, mal war sie auf Jobsuche.

Sie wollte nicht, dass ich sie so sehe.
Ich weiss bis heute nicht, was sie sich dabei gedacht hat.
Hat sie wirklich gehofft, dass sie irgendwann tot in ihrer Wohnung herumliegen würde?

Ich wusste natürlich, dass sie einen Ikterus hatte. Ich wusste, was es bedeutete. Aber ich verstand es nicht. Es war, als wäre alles, was ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, einfach weg. Die Ausbildung, die kam mir in dem Moment, als ich meine Mutter sah, in den Sinn.

Während jener Zeit, einige Jahre zuvor, schwor ich mir nämlich, meine Mutter niemals zu pflegen. Der blosse Gedanke daran erschütterte mich. Die Erinnerungen an meine Kindheit waren zu heftig.
Jemanden in den Tod begleiten, bedeutete Stärke und Liebe. All das traute ich mir nicht zu.

Bis zu jenem Moment, als ich sie da liegen sah. Da wusste ich es.
Ich konnte nicht weg.
Ich konnte meine Mutter nicht im Stich lassen.
Also blieb ich.

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Ein Gedanke zu “Seltsamer August. Teil 1

  1. Worte habe ich keine, ich lasse ein paar liebe Gedanken hier, dein Text hat mit berührt und ich weiss, meine Eltern würden es gleich halten wie deine Mutter. Haben sie schon oft in anderen Bereichen und immer fragte ich mich, was das solle. Es war wohl ihr Gefühl für den Weg, der mich am wenigstens schmerzen würde. Dass es bei mir anders ankam, ist eigentlich nichtig im Wissen, was ihre Absicht war. Und doch hat es ab und an geschmerzt. Nun waren es doch ein paar Worte… Alles Liebe dir!

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