Der Ausflug ins ferne Zürich

Als ich etwa sechs Jahre alt war, meine Grosseltern Omi Paula und Opa Walter lebten noch in einem Block in Sirnach, beschlossen die beiden, einen Ausflug mit mir in den Züri Zoo zu machen. Ich erinnere mich an ihre Wohnung: sie war sehr hell und sehr 50er Jahre. Der Nierentisch, gelbe Möbel, hässliche Puppen, alles ist mir noch präsent.

Ich übernachtete bei Paula, derweil Opa in der Stube schlafen musste.
Am nächsten Morgen ging es denn auch früh los.
Wir reisten mit dem Zug, denn weder Paula noch Opa konnten ein Auto fahren.

Wir hatten es sehr lustig. Ich erinnere mich an Paula und Walter, die lachen. Paula trägt ihr bestes Kleid, Opa seinen guten Anzug.
Der Hauptbahnhof Zürich ist in meiner Erinnerung riesig! Die blauen Trams! Die vielen Leute! Paula, die meine Hand hält, damit ich nicht verloren gehe.
Opa und Omi impfen mir ein, dass ich mir merke, wie sie heissen, damit, wenn ich verloren gehen sollte, jederzeit sagen kann, wohin ich gehöre. Sie wissen nicht, dass ich mir zu dem Zeitpunkt längst Telephonnummern merken kann und keine Angst habe.

Ich erinnere mich auch an die Fahrt mit dem Tram zum Zoo hinauf. Ein Chalet steht da. Es ist sehr hässlich. Modelleisenbahnen. Opa meint, er habe sich überlegt, dass er während unseres Zoobesuchs ins Restaurant geht. Paula nickt. Wir machen ab, dass Opa um vier Uhr nachmittags vor dem Zoo auf uns wartet.

Dann betreten Paula und ich den Zoo. Ich erinnere mich an die Schimpansen, die Fische und den Eisbären, die tollen Wegweiser in schwarz-weiss.
Als wir um vier aus dem Zoo treten, ist Opa natürlich nicht da. Er ist auch um halb fünf Uhr nicht da. Paula ist sauer.

Nun war es anfangs der 80er Jahre ja so, dass man nicht einfach sein Smartphone zücken konnte, um herauszufinden, wo der andere steckt. Das wäre aber in jener Situation sehr praktisch gewesen, zumal Paula in jenem Moment bemerkte, dass Walter den Hausschlüssel bei sich trug.

Sagen wir es so, die Retourfahrt war nicht ganz so lustig. Paulas Laune war schlecht, insgeheim hoffte sie wohl, dass Opa bereits zuhause auf uns wartete.

Das tat er natürlich nicht.
Paula und ich standen ratlos vor dem Haus. Ihre Wohnung war im ersten Stock. Als ihr Nachbar vorbeikam, der hatte sich wohl schon über uns gewundert, bat sie ihn um Hilfe. Ihr fiel ein, dass ein Fenster noch geöffnet war. So holte der Nachbar eine Leiter und ich kroch durch das Fenster in die Wohnung und machte die Tür auf. Der Abend schien gerettet.

Um elf Uhr nachts kehrte mein Opa zurück. Er war, um es anständig auszudrücken, sternhagelvoll. Wir aber waren froh, dass wir ihn wieder hatten.

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Was man vermisst

Als Kind verbrachte ich meine Sommerferien immer bei Paula und Opa. Während Paula uns umsorgte, bekochte und unterhielt, wir waren ihre Augensterne, war Opa immer ein schrulliger Eigenbrötler. Den grössten Teil des Tages verbrachte er im Keller, in seiner Werkstatt, gehauen in den Fels, auf dem das Haus gebaut ist.

Ich weiss nicht genau, was er ausser Sinnieren und Holz sägen sonst noch gemacht hat. Er redete nicht viel, und wenn, dann von Politik, seinem Ärger auf entfernte, geldgierige Verwandte und dem Sonnenaufgang auf der Wasserflue.

Opa trug meistens ein königsblaues Übergwändli und rauchte in einer Pfeife einen zerschnittenen Rösslistumpen. Er schaute fürs Leben gerne den Eidechsen zu, wie sie sich an der Sonne wanden und träumten. Wenn ich ums Eck kam, zischte er und winkte, damit ich neben ihn trete und schaue.

So standen wir da, Opa und ich, und beobachteten die Eidechsen. Ihre Farben erscheinen mir heute noch schillernd und lebendig. Grün. Silbern. Walenseeblau.

Oft stand Opa am Nachmittag, wenn die Sonne auf den Bach schien, am Geländer und schaute zu, wie sich die Forellen im Wasser tummelten. Wenn ich eine sah und darauf zeigte, legte er den Finger auf den Mund, damit ich leise war. Nach ein paar Minuten tätschelte er liebevoll meinen Kopf. Ich kann seither an keinem Bach, keinem Fluss mehr vorbei gehen, ohne zu nachzusehen, ob ich eine von ihnen in den Wellen erkenne.

Am letzten Montag ging ich zum Haus, um die Johannisbeeren zu ernten. Ich werde die Bäume schneiden müssen, denn sie geben keine grossen Früchte mehr. Ich stand am Bach und schaute nach unten. Die Sonne schien.

Da erblickte ich sie. Sie schien uralt. Alleine. Aber sie ist noch da: eine grosse, wunderschöne, gesprenkelte Forelle. Minutenlang beobachtete ich sie und es schien mir, als würde mein Grossvater neben mir stehen und mir meinen Kopf tätscheln.

Der 1. August

Das Ende der Sommerferien markierte seit jeher der erste August, unser Nationalfeiertag. Für mich und meine kleine Schwester war es einer der schönsten Tage im ganzen Jahr. Seit wir klein waren, verbrachten wir den grössten Teil der Ferien bei Paula und Opa.

Wir schliefen aus. Am Vormittag hörten wir gemeinsam mit Opa Handörgelimusik auf DRS1. Oma machte Rösti oder je nach Wetter Raclette. Am Nachmittag schauten wir „Füsilier Wipf“. Später dekorierten wir den Garten mit Lampions.

Um 20h schauten wir in der Stube die Liveshow zum Nationalfeiertag. Opa fand sie jedes Mal saudoof. Sobald es eindunkelte, ging Opa nach draussen, um die Nachbarskinder zu erschrecken. Dies tat er, indem er sein altes Bajonett hervor holte und herum brüllte.
Opa machte dies nicht, weil er Kinder nicht leiden mochte, sondern weil er Angst hatte, dass eines der Kinder mit einer Rakete sein Haus anzünden könnte. Inwieweit wirklich jemand Angst bekam, kann ich nicht mehr einschätzen. Für mich und meine Schwester war er jedoch ein Held.

Später, wenn es dunkel war, zündeten wir die Kerzen in den Lampions an. Opa steckte die Vulkane an. Raketen gab es natürlich keine, da Oma und und Opa den Hund nicht plagen wollten. Am Schluss der Feier durften meine Schwester und ich bengalische Zündhölzer anstecken. Natürlich haben wir uns immer barbarisch daran die Finger verbrannt.

Darüber denke ich nach, während ich heute Johannisbeeren beim Haus abgelesen habe. Das Haus, es ist so still geworden. Noch riecht es nach Paula und nach Sommer. Ich bin traurig.