Hadi und ich

Tante Hadi war die Gotte meiner Mutter. Dies schlug sich in deren zweiten Namen nieder. Ich hätte auch gerne Hadi geheissen. Tante Hadi war in meiner Kindheit sowas wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Rita Hayworth und Hildegard Knef. Ich mochte sie immer sehr und hatte grossen Respekt vor ihr.

Hadi war zwei Jahre älter als Paula. Sie war Sekretärin und sie hatte einen sehr ehrbaren Herrn geheiratet. Hadi hatte sich allerdings später von ihm scheiden lassen und das war wohl in der sehr katholischen Familie meiner Grossmutter eine absolute Revolution.

Jahre später hat Hadi mir gesagt, dass sie und ihr Ex-Mann sich trotz der Scheidung noch gerne gehabt hätten. Nach seinem Tod ist sie täglich auf sein Grab gegangen. Auch dies hat mir grossen Eindruck gemacht. Sie war eine sehr liebende Frau.

Ich war als Kind und als Erwachsene mit Paula bei Hadi zu Besuch. Ich erinnere mich an ihre vornehme Wohnung, die so ganz anders als das einfache Haus von Paula war. Hadi freute sich über unseren Besuch. Wir gaben uns Küsschen. Das ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

2007 sass ich am Sterbebett meiner Mutter. Es war ein Dienstagmorgen im Oktober. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass noch über 30 Stunden vergehen würden, bis meine Mutter tot war. Ich hatte mich noch nicht daran gewagt, Paula anzurufen, da ich nicht von meiner Mutter weggehen wollte, um sie abzuholen. Da klingelte das Telephon. Zuerst wagte ich mich nicht, es abzunehmen, weil ich Angst hatte, einfach so meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Hadi war dran.
„Es ist soweit, oder?“ Ich nickte nur, die Tränen im Hals. Ihre Stimme war gefasst, tief und sanft.
„Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst für deine Mutter da sein. Sie hat dir das Leben geschenkt. Jetzt kannst du für sie am Ende da sein. Das ist ein Geschenk.“
Ich wusste das. Aber das Geschenk war ein schweres.
Hadi sagte: „Ich werde fest an euch beide denken und zum Herrgott beten.“
Ich musste gar nicht viel sagen. Ich spürte Hadis Kraft und Liebe. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

Hadi hat bei allen Erzählungen über Familien und die damit verbundenen Dramen Einhalt geboten und gesagt: „Über die Toten soll man nichts schlechtes sagen.“
Sie hat recht. Wie immer. Über Hadi kann niemand etwas schlechtes sagen. Sie fehlt ungemein.

Am Donnerstag ist ihre Beerdigung. Ich werde wohl nicht hingehen. Ich kenne niemanden und ich mag keine Beisetzungen. Ich werde wohl Paula abholen und mit ihr und Sascha Bibi besuchen. Das ist mein Zugeständnis ans Leben.

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2 Gedanken zu “Hadi und ich

  1. Bewegt. Kann solche Beiträge trotz fortgeschrittenem Alter immer noch nicht lesen, ohne dass ich danach so komische Probleme mit den Augen habe 😉
    Erinnert mich an meine Grossmutter, welche sich auch scheiden liess. Muss gegen wohl 1930 oder so gewesen sein. In einem katholischen Ort und obwohl alle wussten, dass er sie schlug und soff, hatte sie einen schweren Stand.

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