paula und die alten kleider

wenn wir paula im heim besuchen gehen, rufe ich jeweils vorher an, um abzuchecken, ob sie noch etwas braucht. schliesslich soll es ihr im heim an nichts fehlen. paula soll ihre lieblingsäpfel, ihren lieblingskaffee und ihre lieblingskekse essen dürfen. ich frage auch jedes mal, ob sie noch was aus dem haus braucht.

sie äussert dann wünsche wie:
„nimm bitte alle meine akten zu mir nach hause und verstau sie sicher bei dir.“ oder
„im schrank unten links ist meine fünflibersammlung. bitte bring sie mir.“ oder
„ich hab für die nachbarskinder noch schoggi zurückgelegt. bitte gib sie ihnen ab.“

gesagt getan. gestern fanden wir in einem migrossack noch zwei ihrer alten barchet-nachthemden, die wir überall gesucht haben. ich hab sie ebenfalls mitgenommen und paula gezeigt.
paula rümpft die nase:
„die sind an den ärmeln zerrissen. nicht mehr schön. tu sie bitte weg.“
wegwerfen? ich stutze. schliesslich spreche ich mit paula, der herrin über 1000 plastiksäcke.
aber wenn sie will, dass ich sie wegschmeisse, mach ich das natürlich.

kaum sind wir wieder zuhause, klingelt das telephon. paula.
„mir ist noch was in den sinn gekommen.“
„ja?“
„die nachthemden.“
„was ist mit denen?“
„hast du sie schon weggeschmissen?“
„ich hab sie weggepackt.“
„oh.“
„was ist?“
„ich hab dir doch uropas nähmaschine gegeben.“
„ja?“
„jetzt könntest du sie einsetzen.“

paula und ihre nachbarn

heute waren wir beim haus. briefkasten leeren. die liebe post akzeptiert einen nachsendeantrag nämlich nur, wenn paula mir ein beglaubigtes schreiben aushändigt, das mir erlaubt, ihre adresse zu ändern oder aber wenn die arme paula selber an den schalter humpelt. wenn ihr mich fragt, pure schikane. offensichtlich muss man in diesem land sofort bevormundet werden, wenn man an demenz erkrankt ist.

soweit so gut. als wir ankamen, standen paulas nachbarinnen vor dem gartentor, das haus liegt am ende einer engen gasse. wir redeten miteinander. paulas nächste nachbarin, die sich auch sehr oft um sie gekümmert hat, obwohl paula nie müde wurde, im gespräch zu betonen, dass die scheidung der frau und ihr und krebs nichts schlimmes sei, begrüsste uns freundlich. wir redeten über dieses und das und nebenbei erfuhr ich jede menge über meine urgrosseltern.

so gab es wohl unter den kindern der kleinstadt den brauch, an silvester an den türen läuten zu gehen und dafür süssigkeiten zu bekommen. an der türe meiner urgrosseltern haben sie niemals geklingelt, weil sie angst vor meinem urgrossvater henri hatten. das lag nicht nur dran, dass er immer ein finsteres gesicht mit sich trug, sondern vor allem daran, dass er kleine kinder mit vorliebe mit dem bajonett verschreckt hat.

dann erkundigen sich die nachbarinnen, was mit dem haus geschieht. und sie fragen uns, ob nicht wir einziehen wollen…

paulas einkaufsliste

das verkünden der einkaufsliste ist ein telephonisches ritual zwischen paula und mir. früher, also bis vor zwei wochen, lautete die liste von paula folgendermassen. das kursive sind paulas original kommentare

3 bananen „gern grün, dann kann ich sie länger behalten“
6 äpfel „mit roten backen“
4 birnen „die vom letzten mal, die schmeckten so fein“
1 aufbackzopf „nimm aber einen mit einem langen datum, sonst läuft der mir ab“
2 pack meringues „ich muss langsam sparen, aber bring mir trotzdem zwei“
1 doppelpack incarom „aber nicht den von der migros.“
1 butter „wie viel kostet der jetzt schon wieder?“
1 paar servelat „aber bitte richtigen!“
2 4er pack milch „wer weiss, ob bald schnee liegt.“
4 joghurt „bring mir himbeer. in den erdbeer-joghurts hat’s so körner, die bleiben mir im gebiss hängen“
1 3er pack schoggi „dann kann ich eine den nachbars-goofen schenken“
4 säcke katzenfutter „der röteli streitet immer mit dem simeli drum“
6 pack brikett „aber nur, wenn ihr das tragen könnt.“ – „ja eh, das nimmt sascha.“ – „der ist halt schon ein starker. soll ich ihm tragen helfen?“

heute lautet die liste so:

3 bananen „die gibts noch gar nicht so lange“
6 äpfel „wenn mir langweilig ist, esse ich einen apfel“
4 birnen „ich hab zwar noch zwei, aber von denen kann man nie genug haben.“
1 pack meringues „ich sollte die nicht zwar essen, weil die immer so brösmelen.“
1 sack zuckerbölle „welche sorte, paula?“ – „das weiss ich nicht mehr.“ – „wie sahen die aus?“ – „ich war schon lange nicht mehr in der migros.“ – „caramel?“ –“genau.“ – „kleben die dir nicht am gebiss fest?“ – „oh. bitte bring mir noch eine schachtel kukident.“

was ich alles erbe

paula ist nun seit einer woche im altersheim und es geht ihr gut. fast täglich telephonieren wir und sie klagt jedes mal über furchtbares heimweh. wenn wir dann ein wenig sprechen, kehrt sich ihre laune und sie dankt mir dafür, dass ich ins altersheim gebracht habe. das beruhigt mich und ich spüre, wie ich sehr viel weniger energie brauche, um mit ihr zu sprechen.

was mich zeit und energie kostet, ist das haus.
zwar hat paula alle schränke geräumt und den inhalt (tonnenweise weisse bettwäsche!) in schachteln gepackt. doch da ist noch mehr: im oberen stock gibt es einen schrank voller wolle und fäden, nebendran einen anderen voll bepackt mit anzugsstoffen. ein anderer schrank ist gefüllt mit schuhen aus den 50er jahren. und dann ist da noch der seitliche estrich, wo drei komplett funktionsfähige strickmaschinen auf mich warten.

paula hat sich damit abgefunden, dass sie aktuell nicht zurückkehrt, hat mir aber den auftrag gegeben, das zu entsorgen, was ich nicht mehr haben will. super.

opa und das haus

„das haus“ ist schon seit 60 jahren im besitz meiner familie mütterlicherseits. mein urgrossvater heinrich und seine zweite frau rosa, die während des zweiten weltkriegs aus berlin in die schweiz geflüchtet war, hatten es der vorbesitzerin abgekauft. doch schon beim kauf hatte das haus bestimmt 50 jahre auf dem buckel.

opa liebte das haus auf seine weise. nichts durfte verändert werden. keine neuen möbel, keine neuen vorhänge, rein gar nichts neues konnte oma besorgen. nicht einmal das gartentor, das langsam vermoderte, durften wir ersetzen und streichen.
es gibt einen raum, die getäferte stube, wo mein urgrossvater, meine urgrossmutter und schliesslich mein opa starben. alle hauchten sie ihr leben auf dem bett neben dem kachelofen aus. erst als mein grossvater gestorben war, räumte oma um.

sie kaufte neue vorhänge, liess teppiche legen, den kamin erneuern. räumte den estrich leer. das haus wurde immer mehr ihr haus, ihr werk. dennoch sind der keller und der werkraum unverändert seit dem 7. januar 1997. an jenem tage starb nämlich mein grossvater.

es scheint mir manchmal, als lebe das haus. es atmet ein und aus. es steht da und wenn ich genau hinschaue, kann ich meinen urgrossvater auf der treppe sitzen sehen, seine frau und der hund stehen daneben. und vor dem keller steht mein grossvater und raucht eine pfeife. er trägt einen blaumann.

als mein grossvater starb, hab ich meine oma gebeten, dass er in seinem blaumann begraben wird. doch das geschah nicht. er trug einen schicken anzug. und eine der krawatten aus seiner swing-zeit. der blaumann hängt bestimmt noch immer in einem der vielen schränke.

über opa und oma

ein ganz anderer teil meiner kindheit ist opa walter. er war paulas mann.

ihre liebesgeschichte habe ich als kind oft gehört und erst als erwachsene verstanden. walter war der sohn von heinrich, beide ihres zeichens musiker und weberei-angestellte im toggenburg. walter war leidenschaftlicher swing-musiker. so hat er auch paula kennen gelernt.

es war an einem abend in wil. er spielte trompete oder klarinette. das lässt sich nicht mehr so genau eruieren. jedenfalls hat sie ihn angehimmelt. er: damals blond, eher kleingewachsen, mit strahlend blauen augen.
sie ist ihm sofort aufgefallen: schüchtern, gross, mit dunklen haaren. ihr ernster gesichtsausdruck. sie haben zusammen getanzt. am ende des konzerts hat sie ihm ihr velo ausgeliehen, weil er seinen zug verpasst hat. dafür bekam sie schlimme schelte von ihrem vater.

die beiden haben sich verliebt, doch die älteren schwestern und der schwager machten ihnen klar, dass sie nicht heiraten durften. das war anfangs der 50er jahre. paula war die jüngste schwester. es durfte einfach nicht sein, dass sie vor den älteren schwestern heiratete und sich womöglich nicht mehr um die eltern kümmerte.

die strategie der beiden liebenden war einfach. in der heutigen zeit wirkt sie vielleicht etwas hausbacken: die beiden praktizierten coitus interruptus in der hoffnung, paula würde schwanger und müsste heiraten.

nach einiger zeit war es dann soweit. paula wurde schwanger. fünf monate nach der hochzeit kam schliesslich meine mutter auf die welt. der plan war aufgegangen.

altersheimalltag

heute, am 1. november, wäre eigentlich geplant gewesen, dass paula ins heim geht. da wir dies jedoch vorgezogen haben, hat paula nun schon drei tage dort verbracht.

paula freut sich riesig, als wir kommen. es ist ein ungewohntes gefühl, sie sauber gekleidet, fleckenlos, wie eine blumenwiese riechend zu erleben. sie sitzt auf dem bett und spricht ruhig vor sich hin. sie wirkt klar, bedankt sich für die sachen, die wir ihr mitgebracht haben, insbesondere ihre zimmerpflanzen, äpfel und birnen sowie ihre bh’s.

sie kommt sehr schnell darauf zu sprechen, dass sie streit mit einer anderen heimbewohnerin hat. diese hat sich nämlich indirekt beklagt, dass paula zu viel spreche. paula ist tief beleidigt. sie fragt mich, warum diese frau sie nicht möge. bevor ich etwas gescheites antworten kann, erklärt paula, dass diese andere frau nicht mehr richtig reden kann. ich sage paula, dass die frau wahrscheinlich traurig ist, weil sie selber nicht mehr sprechen kann. paula sieht das ein und meint, sie hätte trotzdem weinen müssen. ich tröste paula so gut es geht und sage ihr, dass es keinen gibt, der sie nicht mag. sie nickt und meint, sogar die hofkatze sei gekommen und hätte mit ihr geschmust.

wir zeigen ihr die mitgebrachten pullover, die sie freudig in empfang nimmt. allerdings haben wir keine nachthemden gefunden, da diese alle schon hier sind. doch weil paula die letzten wochen offensichtlich nicht mehr in der lage war, ihre kleider abends zu wechseln und immer mehr abmagerte, passen sie ihr nicht nun mehr.

in einem ruhigen moment, sascha raucht gerade eine, beklagt sich paula bitterlich darüber, dass ihre brüste nicht mehr so schön sind wie früher. zum beweis hebt sie den pullover.
ich weiss jetzt, was mich erwarten wird, wenn ich mal 84 bin.