paula und die lust aufs leben

ich erinnere mich an eines unserer damaligen enkelin-zu-oma-gespräche. ich habe mit paula über alles gesprochen, sei es frust, streit oder liebeskummer.

wir trafen uns im café huber, paulas lieblingsconfiserie, zu kaffee und kuchen.
ich erzählte ihr davon, dass ich mich, nicht zum ersten mal, verknallt hatte und wie mein neuer freund war. ich war anfangs 20.

paula: wie ist er denn so?
ich: er ist sehr nett.
paula: hat er noch haare?
ich: ja. einige.
paula: und sonst?
ich: er macht gern sport.
paula: oh? das ist gut.
ich: warum?
paula: bewegung ist gesund.
ich: wie bitte?
paula: ich meine, es funktioniert doch alles bei euch?
ich: jaa?
paula: ich rede von sex.
ich: oma!?
paula: wusstest du denn nicht, dass sex gesund ist?

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paula und opa erzählen eine geschichte.

ich habe meine grosseltern oft streiten, „chiffeln“, gesehen. opa konnte sehr fiese sprüche absondern. und paula konnte fluchen wie ein bürstenbinder.

aber es gab auch momente, da erlebte ich die beiden, anders als jemals meine eltern, als liebespaar. da gab es in den sommerferien, in der küche, jene situationen, in denen paula und opa gleichzeitig die gleiche geschichte erzählten. sie muss im winter 1950/51 passiert sein. dazu muss man wissen, dass paulas elternhaus in einer talsenke lag und der weg zum haus relativ steil war.

paula: wir waren noch nicht verheiratet.
opa: nein. aber wir wollten es sehr.
paula: ja.
opa: ich bin zum haus gelaufen.
paula: die alte mühle. der weg war sehr gefroren.
opa: damals hat man nicht einfach salz gestreut.
paula: nein. und es war wirklich ein steiler weg.
opa: stimmt. schöner scheissweg.
paula: das war mein elternhaus!!
opa: ja. trotzdem. scheissweg.
paula: hör auf zu fluchen. die goofen hören uns zu.
opa: jaja.
paula: jedenfalls haben meine eltern, meine schwestern, mein schwager giovanettoni und ich auf opa gewartet.
opa: genau. ihr hättet mal besser den weg frei gemacht.
paula: und wir haben ihm zugerufen.
opa: ja. und ich habe gewunken.
paula: es war schon dunkel und der opa hatte einen aff.
opa: ich habe den ganzen tag tanzmusik gemacht.
paula: wir haben dich schon gehört, als du den stadtweg runterkamst. du warst laut.
opa: ich habe gesungen.
paula: und dann bist du ausgerutscht.
opa: bei dem scheissweg.
paula: und du bist einfach runtergerutscht und hast deinen instrumentenkoffer in die höhe gehalten, damit das instrument nicht kaputt geht.
opa: genau.
paula: und dann hat der schwager gerufen: „hey, walter, wir sind hier unten. nicht vorbeirutschen.
opa: so ein arsch.
paula: walter, die kinder!!!

paula und die katzen

paula wuchs in den 20er jahren in einer kleinstadt in der ostschweiz auf. ihre eltern waren sehr, sehr, sehr arm. ich vermute, daher kommt auch paulas aufbewahrungszwang her. ihre eltern, berta und johann, hatten neben paula noch vier andere kinder. ich weiss nicht genau, wie sie aufgewachsen sind, nur wo. aber ich vermute mal, dass sie nicht immer genügend zu essen hatten.

als paula und mein opa verheiratet waren, schafften sie sich einen wellensittich an, piepsli. meine mutter hat ihm sprechen beigebracht. katzen hatten sie nie. paula fürchtete sie würden ihr die beine verkratzen. ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass paula angst vor diesen tieren hatte.

paula und mein opa zogen in den 80er jahren zu den urgrosseltern ins toggenburg. dort pflegten sie nicht nur die beiden hochbetagten, sondern auch deren tiere: eine strubbelige katze und barri, den sennenhund. paula und opa liebten barri über alles. als dieser starb, brach für paula eine welt zusammen. mit der strubbelkatze wurde sie nie so richtig warm.

nach opas tod war paula sehr einsam. doch sie blieb nicht lange allein. röteli, ein rotfelliges katzenweibchen und simeli, ein tiger, (und bestimmt noch x andere) kamen bei ihr vorbei. paula hatte grossen respekt vor diesen tieren und mir mehr als einmal geschildert, wie sie erfolglos versucht hat, die beiden zu vertreiben.

schliesslich zogen die beiden bei ihr ein. röteli schlief oft in der stube auf einem bereitgelegten barchetlaken, simeli kam zum fressen. mit der zeit vergass paula auch mal die namen der beiden oder gab ihnen neue. röteli blieb ihr so oder so treu. mir fiel allerdings auf, dass röteli kastriert und auch sonst gepflegt herum lief. wer war ihr anderer mensch?

die trennung von röteli war ganz furchtbar für paula. ich bin ganz froh, dass röteli bei paulas auszug nicht da war. als wir am mittag des selben tages noch ins haus gingen, um alles abzuschliessen, sah ich röteli das letzte mal. ich gab ihr zu fressen und richtete ihr grüsse von paula aus.

paulas nachbarin erzählte uns, dass der wahre besitzer von simeli und röteli sehr wohl wusste, dass paula seine katzen durchfütterte. er liess es aber geschehen und musste sich sprüche anhören, dass er sie jetzt wieder selber ernähren muss.

paula jedoch hat eine neue feline freundin gefunden. noch hat sie keinen namen. aber sie hat schon begriffen, dass es bei paula immer etwas feines zu fressen gibt.

paula und die alten kleider

wenn wir paula im heim besuchen gehen, rufe ich jeweils vorher an, um abzuchecken, ob sie noch etwas braucht. schliesslich soll es ihr im heim an nichts fehlen. paula soll ihre lieblingsäpfel, ihren lieblingskaffee und ihre lieblingskekse essen dürfen. ich frage auch jedes mal, ob sie noch was aus dem haus braucht.

sie äussert dann wünsche wie:
„nimm bitte alle meine akten zu mir nach hause und verstau sie sicher bei dir.“ oder
„im schrank unten links ist meine fünflibersammlung. bitte bring sie mir.“ oder
„ich hab für die nachbarskinder noch schoggi zurückgelegt. bitte gib sie ihnen ab.“

gesagt getan. gestern fanden wir in einem migrossack noch zwei ihrer alten barchet-nachthemden, die wir überall gesucht haben. ich hab sie ebenfalls mitgenommen und paula gezeigt.
paula rümpft die nase:
„die sind an den ärmeln zerrissen. nicht mehr schön. tu sie bitte weg.“
wegwerfen? ich stutze. schliesslich spreche ich mit paula, der herrin über 1000 plastiksäcke.
aber wenn sie will, dass ich sie wegschmeisse, mach ich das natürlich.

kaum sind wir wieder zuhause, klingelt das telephon. paula.
„mir ist noch was in den sinn gekommen.“
„ja?“
„die nachthemden.“
„was ist mit denen?“
„hast du sie schon weggeschmissen?“
„ich hab sie weggepackt.“
„oh.“
„was ist?“
„ich hab dir doch uropas nähmaschine gegeben.“
„ja?“
„jetzt könntest du sie einsetzen.“

paula und ihre nachbarn

heute waren wir beim haus. briefkasten leeren. die liebe post akzeptiert einen nachsendeantrag nämlich nur, wenn paula mir ein beglaubigtes schreiben aushändigt, das mir erlaubt, ihre adresse zu ändern oder aber wenn die arme paula selber an den schalter humpelt. wenn ihr mich fragt, pure schikane. offensichtlich muss man in diesem land sofort bevormundet werden, wenn man an demenz erkrankt ist.

soweit so gut. als wir ankamen, standen paulas nachbarinnen vor dem gartentor, das haus liegt am ende einer engen gasse. wir redeten miteinander. paulas nächste nachbarin, die sich auch sehr oft um sie gekümmert hat, obwohl paula nie müde wurde, im gespräch zu betonen, dass die scheidung der frau und ihr und krebs nichts schlimmes sei, begrüsste uns freundlich. wir redeten über dieses und das und nebenbei erfuhr ich jede menge über meine urgrosseltern.

so gab es wohl unter den kindern der kleinstadt den brauch, an silvester an den türen läuten zu gehen und dafür süssigkeiten zu bekommen. an der türe meiner urgrosseltern haben sie niemals geklingelt, weil sie angst vor meinem urgrossvater henri hatten. das lag nicht nur dran, dass er immer ein finsteres gesicht mit sich trug, sondern vor allem daran, dass er kleine kinder mit vorliebe mit dem bajonett verschreckt hat.

dann erkundigen sich die nachbarinnen, was mit dem haus geschieht. und sie fragen uns, ob nicht wir einziehen wollen…

paulas einkaufsliste

das verkünden der einkaufsliste ist ein telephonisches ritual zwischen paula und mir. früher, also bis vor zwei wochen, lautete die liste von paula folgendermassen. das kursive sind paulas original kommentare

3 bananen „gern grün, dann kann ich sie länger behalten“
6 äpfel „mit roten backen“
4 birnen „die vom letzten mal, die schmeckten so fein“
1 aufbackzopf „nimm aber einen mit einem langen datum, sonst läuft der mir ab“
2 pack meringues „ich muss langsam sparen, aber bring mir trotzdem zwei“
1 doppelpack incarom „aber nicht den von der migros.“
1 butter „wie viel kostet der jetzt schon wieder?“
1 paar servelat „aber bitte richtigen!“
2 4er pack milch „wer weiss, ob bald schnee liegt.“
4 joghurt „bring mir himbeer. in den erdbeer-joghurts hat’s so körner, die bleiben mir im gebiss hängen“
1 3er pack schoggi „dann kann ich eine den nachbars-goofen schenken“
4 säcke katzenfutter „der röteli streitet immer mit dem simeli drum“
6 pack brikett „aber nur, wenn ihr das tragen könnt.“ – „ja eh, das nimmt sascha.“ – „der ist halt schon ein starker. soll ich ihm tragen helfen?“

heute lautet die liste so:

3 bananen „die gibts noch gar nicht so lange“
6 äpfel „wenn mir langweilig ist, esse ich einen apfel“
4 birnen „ich hab zwar noch zwei, aber von denen kann man nie genug haben.“
1 pack meringues „ich sollte die nicht zwar essen, weil die immer so brösmelen.“
1 sack zuckerbölle „welche sorte, paula?“ – „das weiss ich nicht mehr.“ – „wie sahen die aus?“ – „ich war schon lange nicht mehr in der migros.“ – „caramel?“ –“genau.“ – „kleben die dir nicht am gebiss fest?“ – „oh. bitte bring mir noch eine schachtel kukident.“

was ich alles erbe

paula ist nun seit einer woche im altersheim und es geht ihr gut. fast täglich telephonieren wir und sie klagt jedes mal über furchtbares heimweh. wenn wir dann ein wenig sprechen, kehrt sich ihre laune und sie dankt mir dafür, dass ich ins altersheim gebracht habe. das beruhigt mich und ich spüre, wie ich sehr viel weniger energie brauche, um mit ihr zu sprechen.

was mich zeit und energie kostet, ist das haus.
zwar hat paula alle schränke geräumt und den inhalt (tonnenweise weisse bettwäsche!) in schachteln gepackt. doch da ist noch mehr: im oberen stock gibt es einen schrank voller wolle und fäden, nebendran einen anderen voll bepackt mit anzugsstoffen. ein anderer schrank ist gefüllt mit schuhen aus den 50er jahren. und dann ist da noch der seitliche estrich, wo drei komplett funktionsfähige strickmaschinen auf mich warten.

paula hat sich damit abgefunden, dass sie aktuell nicht zurückkehrt, hat mir aber den auftrag gegeben, das zu entsorgen, was ich nicht mehr haben will. super.