paula und ihre schwestern

paula ist das dritte von fünf kindern. sie hat noch zwei ältere schwestern bibi und hadj, ihre zwei jüngeren, geliebten brüder sind leider gestorben.

mir scheint, als sei paula ihr ganzes leben mit ihren beiden schwestern im konflikt gestanden. paula, als kind schwer an hirnhautentzündung erkrankt und näher am tod als im leben, wurde nach meinung der schwestern immer sehr verwöhnt. was das in den dreissiger jahren während des krieges bedeutete, vermag ich mir nicht vorzustellen.

jedenfalls gab es immer wieder zeiten, in denen die drei frauen nicht miteinander sprachen. in den letzten drei jahren hatte paula vor allem mit ihrer schwester hadj öfters krach. heidi hatte mühe mit paulas beginnender demenz und machte sie halb verrückt mit ihren ratschlägen. einer von hadjs klassiker ist nämlich der tipp, paula solle sudoku machen, damit ihr hirn länger fit bleibt.

es ist so, dass paula über sich selber sagt, sie ein sturer siech. und ratschläge findet sie oberdoof und man kann sich drauf verlassen, dass sie das gegenteil davon macht. nach schwierigen telephonaten mit hadj rief paula jeweils mich an und klagte mir ihr leid. die ganzen vorwürfe, auch in bezug auf meine mutter, regten mich auf. so nahm ich eines tages die gelegenheit wahr und rief meine grosstante an. diese, mitte 80, gleicht mir stark: sie ist diszipliniert, höflich, legt wort auf gute kleidung usw. sie ist sehr pedantisch und kann ziemlich herablassend sein.

die ersten zehn minuten des telephonats waren gelinde gesagt furchtbar. natürlich hat sie auch mir erklärt, was ich alles zu tun habe. dass ich meine oma gefälligst so schnell wie möglich in ein altersheim bringen solle und ich keine hilfe von ihr, hadj, zu erwarten habe.
ich hakte die geschichte für mich ab, weil ich merkte, dass ich hier nichts vermitteln kann. und meine energie brauche ich für wichtigere dinge.

seit paulas demenz sich verstärkt, hatte ich keinen kontakt mehr zu hadj und bibi. ich fürchte mich davor. ich werde ihnen wohl einen brief mit der neuen adresse von paula schreiben.

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inwendig weinen

diese woche habe ich abgesehen von einigen anrufen wenig von paula gehört. meistens hat sie mit sascha gesprochen und ihm ihr leid geklagt. er hat es wie immer geschafft, sie zu trösten und aufzumuntern.

ich habe währenddessen mit ämtern, der spitex und der heimleitung telephoniert. auf fragen wie: „wann kommen sie?“ und „werden sie mit frau p. noch etwas essen?“ reagiere ich überfordert, weil ich ahne, wie schwer mir die übergabe von paula fallen wird.

heute abend schliesslich hab ich sie angerufen. ihre telephonnummer kenne ich, seit ich ein kleines kind bin. für mich war es immer die schönste nummer der welt.

paula ist gefasst. wir sprechen ein wenig darüber, wie es mir geht. ich erkläre ihr, dass ich am montag mit sascha, helene und rolf vorbei komme.

„der sascha ist schon ein netter kerli“, meint sie. „den mag ich.“
„ja, das ist er.“ antworte ich.
„aber deinen mann hätte ich fast nicht mehr erkannt. der ist auch älter geworden.“
ich stutze.
„wen meinst du?“
„na, den rolf.“ ich schlucke. rolf ist mein vater, paulas ex-schwiegersohn.
„wie gehts euren mädchen?“
ich schlucke nochmals schwer.
„denen geht es gut.“
„haben die eigentlich schon kinder?“
ich verneine. der kloss treibt mir tränen in die augen.
„gell, das müssen die selber wissen.“
ich gebe ihr recht.

das ist wohl der moment, wo zora nicht mehr in ihrer erinnerung vorhanden ist, sondern nur noch ihre tochter, deren namen sie nicht mehr kennt.

zukünftiges

in den nächsten jahren werden immer mehr menschen sehr alt (und dement) werden. ich frage mich, wer diese menschen dann pflegt. sind es die angehörigen (die ja eigentlich geld verdienen müssen, um sich und den dementen angehörigen über die runden zu bringen) oder pflegekräfte aus dem in- und ausland? wie fair werden diese bezahlt? wie gut wird die betreuung unserer angehörigen sein?
fest steht, dass irgendjemand diese rechnung bezahlen muss.

wenn ich erzähle, dass ich eine oma habe, die an demenz erkrankt ist, reagieren mitmenschen distanziert und finden, das sei denn schon noch schwierig. ist es auch. noch schwieriger ist es, sich sorgen zu machen, was in zukunft ist. oder was mit einem selbst geschieht, wenn man einmal alt ist.
wer wird sich um mich kümmern, wenn ich meinen namen nicht mehr weiss und ich meine hausschlüssel ins gefrierfach stecke?

paula loslassen

ich weiss ja sehr gut, was es bedeutet, jemanden loszulassen.
aber gerne tu ich es nicht.
ich will nicht, dass paula geht.

ein paar monate vor uschis tod habe ich zu meiner oma gesagt:
„du bist in wirklichkeit meine mutter.“
das war sie. kein mensch zuvor hat mir derart bedingungslose liebe zukommen lassen.

der gedanke, dass sie leidet, trifft mich zutiefst.
ich fühle mich für sie verantwortlich.
ich liebe sie.
sie ist meine liebe, wunderbare, herzensgute omi.
ich will nicht, dass sie mich verlässt.

und dennoch wissen wir beide, dass das ende ihres lebens bald erreicht ist.
konnte sie alles erledigen?
gibt es noch dinge, die sie am gehen hindern?
ist die haustüre verschlossen?
hat röteli genügend futter?
wie werde ich leben können ohne dich?

firewall

in bestimmten situationen des lebens ist es gut, wenn man nicht ganz alleine ist. in meinem nächsten umfeld ist es mein freund, der mit mir lebt und mich bei vielen besuchen begleitet.

mit seiner freundlichen, ruhigen, unaufdringlichen art hat sascha paulas herz erobert, auch wenn sie sich anfangs seinen namen nicht merken konnte und ihn einfach wie meinen ex nannte. ist ja schliesslich auch fast das gleiche. zumindest für paula

aber nicht nur auf den besuchen unterstützt er mich, nein. sein engagement findet hauptsächlich zuhause statt. paula telephoniert nämlich zu allen möglichen zeiten und da sascha von zuhause aus arbeitet und sie sich meine handynummer nicht merken kann, kriegt er die volle ladung an emotionen ab.

paulas gedächtnis ist leider mittlerweile so beeinträchtigt, dass sie sich vieles nicht mehr merken kann. ein telephonat, das ich gestern mit ihr führte, hat sie heute schon vergessen und alles scheint ihr verlassen und einsam. dementsprechend sauer ist sie jeweils, wenn sie anruft. aber sascha fängt das einfach ab. mit seiner positiven art kann er sie wunderbar motivieren und lässt sie vergessen, was ihr gerade um den kopf schwirrt.

suizidäusserungen nimmt er ernst, fragt nach und spricht einsamkeit an. sie fühlt sich sofort ernstgenommen und ist froh, dass er ihre emotionen so erfasst hat. wenn sie die idee „altersheim“ verwirft und findet, sie würde lieber sterben und ihre ruhe haben, bringt er vor, dass sie doch im altersheim nicht mehr alleine ist und menschen da sind, mit denen sie sprechen kann. mit einem moment scheint für paula wieder die sonne.

was würde ich nur ohne sascha machen? er ist meine firewall, wenn ich nicht mehr die energie aufbringe, mir vorwürfe und emotionen anzuhören. dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

ein abend ohne paula

alle zwei wochen gehe ich in den nähkurs. das ist mein freier abend, den ich mir jeden monat hart erkämpfe. im nähkurs treffe ich frauen zwischen 20 und 75, die sich alle demselben hobby, aber jede auf ihre weise, widmen.

dieses zweistündige hineinversinken in die handarbeit, das surren und brummen der maschinen beruhigt mich total. das leben verliert während des nähens seine schwere und gewinnt an tiefe. man setzt sich mit sich selber auseinander und man kann super nachdenken. die selbst angefertigten, massgeschneiderten kleider sind quasi das sahnehäubchen.

aber es geht mir auch noch um etwas anderes: wenn ich an der arbeit bin, drehen sich alle gespräche über die klienten und das ist gut so. zuhause dreht sich alles um paula, besonders, wenn sie eine krise hat. im nähkurs treffe ich frauen, die unbeschwert von ihren kindern erzählen, grossmütter, die kleidchen für ihre enkel nähen und von ihnen schwärmen. da werden beziehungsprobleme angesprochen, ratschläge geteilt und zusammen gelacht. ich sitze da und höre zu und das tut mir gut.

die guten seelen teil 2

ich wohne ja nicht mit meiner oma zusammen, sondern ca. 50km von ihr entfernt. allerdings lebt sie in den voralpen. der weg ist dementsprechend harzig.

direkt betreut wird sie aktuell von den frauen der spitex. die kommen nun schon einige jahre zu ihr. anfangs putzten sie bei ihr, da paula starkes rheuma hatte und sich kaum noch bewegen konnte. als sich paulas demenz immer mehr abzeichnete, kamen schliesslich tägliche gänge für die medis, begleitung zum arzt usw. dazu.

als enkelin hatte ich lange keinen direkten kontakt zur spitex. erst seit sich paulas zustand verändert, sprechen wir mehr miteinander. gestern telephonierte ich mit frau f., der leiterin, um paulas übertritt gut zu gestalten.

nun ist es so, dass ich selber seit über 13 jahren in der langzeitpflege arbeite. trotzdem fällt mir der jetzige schritt sehr schwer. mir scheint, als wäre mein ganzes wissen und meine erfahrung nichts mehr wert im anbetracht der tatsache, dass paula meine oma ist und ich jetzt für sie schaue. ich bin in dieser sache kein profi. zwar beschäftige ich mich nun wieder mit naomi feils „validation“, aber meine emotionen wiegen über allem.

frau f. jedenfalls unterstützt mich und wir sprechen darüber, dass es jetzt wirklich zeit ist, dass paula in ein heim geht, weil sie mit sich und ihrem leben überfordert ist. wir sprechen kurz darüber, dass ich nicht mehr kann und was ich als nächstes noch tun muss. einen teil der aufgaben nimmt sie mir ab. das erleichtert mich und schont mein zeitbudget.

als wir uns schliesslich verabschieden, wünscht sie mir und paula alles gute auf unserem weiteren lebensweg. und ich sage ihr danke für ihre tolle arbeit.