veränderung

ich gebe es gerne zu: vor dem ersten telephonat mit paula habe ich mich gefürchtet.
dazu kommt, dass es bis und mit heute abend nicht gefunzt hat mit dem anrufen. ich hatte angst, das sie mit dem telephon nicht mehr umgehen kann.
ich erwartete weinen und klagen.

dann, am anderen ende die stimme von paula.
ich frage sie, ob sie mich erkennt.
– ja klar, zora.
– wie geht’s dir?
– nicht so gut. heimweh.
– das tut mir leid.
– du hast da einen fehler gemacht, zora.
– ja?? (ich erwarte einen vortrag über die tatsache, dass ich sie ins heim gebracht habe.)
– du hast die falschen nachthemden eingepackt.
– was?
– die sind mir zu lange.
– oh. ich näh sie um.
– ich will aber lieber die anderen. die aus der schachtel.
– ich bring sie dir morgen.
– gut. und unterwäsche.
– ok.
– und pullover. ich will noch mehr pullover.
– bring ich dir. kein thema!
– und bring mir bh’s. die tragen hier alle.

geburtstage

seit ich ein kind war, waren meine geburtstage im hochsommer ein highlight. ich wurde mit geschenken überhäuft. oma wusste einfach immer, was ich mir wünschte, ganz egal ob es pfirsichblüten-barbie, lego ritterburg oder ein robin-hood-kostüm war.

ich habe es zuerst mit meiner mutter miterlebt, wie es ist, wenn einem menschen das umfeld langsam wegschwimmt. mal telephonierten wir gar nicht, mal eine woche zu früh, mal einen tag später. dabei schien mir jener tag der geburt, gerade mit der mutter, sehr wichtig.

seit einigen jahren weiss auch paula nicht mehr, wann mein geburtstag ist. ich hab mich dran gewöhnt, auch wenn es beim ersten mal furchtbar weh tat. auch ihr eigener geburtstag rückte mehr und mehr in den hintergrund.
im juli dieses jahres allerdings geschah das unfassbare. paula rief mich punkt acht an und gratulierte mir zu meinem geburtstag:

„liebe zora, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 75sten geburtstag. bleib gesund und wie du bist, liebe schwester!“

erleichterung

die erste nacht seit über einem jahr schlafe ich nun in ruhe. ich habe keine albträume gehabt. glücklicherweise habe ich spätdienst, so dass ich nicht schon um sechs uhr auf muss. paula hat nun die erste nacht in ihrem pflegeheim verbracht. ich fühle mich seltsam befreit.

es ist ja nicht so, dass sie mich jeden morgen zu bett heraus geklingelt hat. aber die sorge um sie hat mir offenbar mehr zugesetzt, als ich mir zugestehen wollte. um halb zehn uhr rufe ich sie an. sie nimmt nicht ab. offenbar hat die umschaltung mit ihrer alten nummer noch nicht geklappt.
ich rufe im sekretariat an. eine pflegende nimmt ab.

sie ist ein wenig erstaunt, dass ich mich nach paula erkundige. offenbar ist das nicht usus, dass angehörige sich um ihre alten angehörigen kümmern. die pflegende wirkt etwas ratlos, meint, sie könne mir nicht sehr viel sagen. ich frage also explizit. wie hat sie geschlafen?

zu meinem erstaunen sagt die pflegende, dass paula die ganze nacht durchgeschlafen hat und erst um neun uhr überhaupt aufgewacht ist. das ist insofern verwunderlich, als dass paula seit ich sie kenne, immer um fünf uhr aufgestanden ist und die küche geputzt hat.

die pflegende erzählt schliesslich auch, dass paula sehr viel diskutiert hat, sich am abend aber trotzdem einsam fühlte und wieder nach hause wollte. sie hätten sie dann aber überzeugt, hier zu bleiben.

ich bin sehr gespannt, wie es paula geht, wenn ich sie heute nachmittag anrufe.

paula zieht aus teil2

nachdem ich mich noch telephonisch im heim angemeldet habe, sitzen wir schliesslich endlich im auto. paula wirkt zufrieden, fast wie bei einer ferienreise. wir fahren ins übernächste dorf. dort, in der nähe der thur, liegt das altersheim.
wir steigen aus. paula hat etwas mühe und verheddert sich im gurt. schliesslich stehen wir vor der türe. wieder spüre ich einen tiefen schmerz im gesicht. ich schlucke meine tränen herunter.

ich gehe mit paula am arm ins haus. frau g., die pflegefachfrau, erwartet uns. doch sie ist nicht die einzige. neben ihr steht eine fröhliche, weisshaarige frau. sie geht sofort auf paula zu. die beiden geben sich die hände und begrüssen sich. ich kenne solche situationen. paula kennt von ihrer tätigkeit als kioskfrau sehr viele menschen. wenn sie auf jemanden zugeht und diesen begrüsst, reagieren die wenigsten so aufgestellt. deren gedächtnis scheint nicht so gut sein wie das von paula. wir lassen die frauen allein und räumen das zimmer ein.

rolf und helene transportieren die ganzen möbel. liebevoll dekoriert helene das zimmer. nach einer viertelstunde sind wir mit dieser ladung fertig.die nächste wartet auf uns. ich gehe nach unten ins fernsehzimmer. paula sitzt breit grinsend da und stellt mir die weisshaarige frau vor. es ist eine kollegin, mit der sie vor über 50 jahren gearbeitet hat. ich bin stark gerührt und habe wiederum tränen in den augen. wie schön, denke ich. sie wird ihren weg schon machen, meine omi paula.

dann sagt paula zu den anderen alten frauen, die strickend im raum sitzen: „und das ist meine enkelin zora.“

paula zieht aus teil 1

heute morgen war es soweit. wir machten uns auf den weg zu paula für den umzug ins altersheim. als wir ankommen, finden wir paula in tränen aufgelöst. sie weint und wirft uns vor, wir hätten sie vergessen. ein blick auf die uhr klärt die situation. paula hat die uhr nicht zurückgestellt und wartet seit stunden.

das packen und ausräumen ihrer gewünschten möbel verläuft schwierig. paula steht verloren da. mehr als einmal fürchte ich, sie fällt gleich die treppe herab. in der küche herrscht ein grosses durcheinander: müll, katzenfutter und küchentücher stapeln sich auf der essbank. wenigstens hat paula die heizung eingeschaltet. so ist es wenigstens nicht allzu kalt.

beim einpacken ihrer sachen ist geduld meinerseits gefordert. dass wir zwei taschen mit plastiksäcken mitnehmen müssen, passt mir nicht. aber ich packe sie ein. schliesslich ist es ihr wichtig. als die nette spitexfrau kommt, um mir den übergaberapport von paula zu übergeben und mich fragt, was sie noch für mich tun könne, überkommt es mich. auch paula weint. sascha schafft es schliesslich, paula etwas abzulenken. die pflegefachfrau gibt mir den tipp, paula gleich bei der ersten fahrt mitzunehmen und sie dem pflegeteam anzuvertrauen. das packen und die noch schlimmere unordnung bringen paula durcheinander. ich bedanke mich für die ratschläge und die gute arbeit, schniefe weiter.

als wir die beiden autos geladen haben, folgt der wirklich schwierige teil. paula sollte sich umziehen. mit sehr, sehr viel überredungskunst schaffe ich es, dass sie ihre rote trainerhose auszieht und eine frische anzieht. den pullover und die wolljacke lässt sie an. ich gebe auf.

dann packen wir ihre handtasche. auch hier drängt sie darauf, einige plastiksäcke mitzunehmen. was mir anschliessend fast das herz zerreisst, ist paulas verabschiedung vom haus. sie geht in jedes zimmer und sagt ein paar worte. mir scheint, als hätte sie sich von allen geistern des hauses verabschiedet. sascha schafft es schliesslich, mit ihr heraus zu gehen. ich schliesse die tür hinter ihr ab.

oma und ich

das war schon ein ding. soweit ich mich zurück erinnern kann, waren oma und ich das dreamteam. es gab nichts, was wir einander nicht erzählten. sie war für mich immer der fels in der brandung.

es gibt da so eine geschichte. als mein bruder starb, rief mein vater zuerst oma an, damit sie zu mir kommt und auf mich aufpasst. ich war zwar erst zwei, aber ich erinnere mich, dass sie plötzlich da war und mich umarmte und mir alles erklärte. auch später war das thema tod nie ein tabu zwischen uns.

oma war immer da. als ich mich das erste mal unglücklich verliebte, das zweite und dritte mal, immer hatte sie einen rat für mich. von ihr kamen niemals abwertende worte. ich habe nie jemanden kennen gelernt, der derart gut motivieren konnte.

ein highlight waren die ferien bei oma. meine schwester und ich lagen in omas grossem bett, sie in einem kleinen bett, bekleidet mit einem barchetnachthemd, daneben. opa schlief im unteren stock neben dem kachelofen. oma erzählte uns spätnachts immer sehr tolle geschichten. sie erzählte mit leib und seele. da war alles möglich. einmal segelten wir auf einem bett die thur hinunter bis zum rheinfall, weiter bis zum meer. ein andermal flogen wir auf einem teppich über die sahara. im winter froren wir uns fast die füsse ab, weil es keine heizung hatte.

meine schwester und ich wurden zu heldinnen im wilden westen, zu unerschrockenen frauen in jeder lebenslage. für oma war es nie ein thema, dass wir einen beruf lernten. jahre später sind wir gemeinsam nach berlin gefahren. einfach so. da war sie bestimmt schon über 70. wir sind stundenlang durch die stadt gelaufen und haben geredet.

sie stellte nie in frage, dass ich keine kinder wollte. nur in der letzten zeit äusserte sie einmal den wunsch, sie hätte noch gerne einen urenkel. diesen gefallen kann ich ihr nicht tun, bei aller liebe.

paulas haus

morgen also zieht paula aus ihrem haus aus.
für mich war und ist es das haus meiner kindheit, mein sicherer hafen. mein pippi-langstrumpf-schloss. der schönste ort, den ich mir vorstellen kann.

als ich noch ein kind war, habe ich alle meine ferien bei oma und opa verbracht. meine schwester und ich spielten verstecken, bauten uns hütten aus leintüchern, spielten mit dem hund, ärgerten opa. wir waren total frei.
mein grossvater war anfangs der 80er jahre bei seinen eltern eingezogen, um sie zu pflegen. oma behielt vorerst ihre wohnung. nach dem tod ihrer schwiegermutter zog sie dann ebenfalls ein. die jahre mit meinem betagten urgrossvater müssen die hölle gewesen sein.

doch nach dem tod meines urgrossvaters erging es ihr nicht besser. mein grossvater, durch die weberei-krise immer wieder arbeits- und mutlos, war alkoholkrank. am haus durfte sie nichts verändern, das verbot er ihr.

nachdem mein opa nach kurzer schwerer krankheit in den 90ern starb, erblühten oma und das haus in neuem glanz. sie baute um und liess sich alles so einrichten, wie sie es wollte. nach dem tod meiner mutter wurde sie jedoch immer seltsamer. ihr rheuma nahm zu und ich bemerkte erste anzeichen ihrer demenz.

das haus ist über 100 jahre alt und mehr als 50 jahre im besitze meiner familie mütterlicherseits. es liegt neben einem bach und sollte anfangs der 80er abgerissen werden. ich liebe dieses haus so sehr.

ich habe angst vor morgen. paula muss nicht alles räumen. wir zügeln das, was sie braucht. der rest bleibt drin. wie wird es sein, wenn sie nicht mehr da lebt? ich habe angst, dass ich morgen nur noch weinen kann. dabei muss ich morgen stark für paula sein, damit sie den übergang gut schafft.