Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Café-Liebe

Omi und ich liebten es, uns in Cafés zu treffen.
Ganz egal, ob in Wattwil, Wil, Frauenfeld oder Lichtensteig: ohne einen feinen Kaffee endeten unsere Treffen nie.

Jetzt, wo Omi nicht mehr da ist, spüre ich jedes Mal einen Stich, wenn ich an einem „unserer“ Cafés vorbei gehe. Zwar sind wir fast fünf Jahre nicht mehr miteinander eingekehrt. Trotzdem fühlt es sich seltsam an. Omi fehlt.

Meine erste Lehre machte ich in einer Confiserie als Verkäuferin.
Dieses Geschäft gibt es längst nicht mehr. Auch meine Lehrmeisterin, die nur wenig jünger war als mein Omi, lebt nicht mehr.

Ich glaube, Omi war damals richtig stolz auf mich, dass ich in so einem schönen Geschäft, in weisser Bluse, kurzem schwarzem Rock und gestärktem Schürzchen arbeitete. Ich erinnere mich daran, dass sie mir bei Lehranfang Mamis Service-Schürzchen vorbei brachte.

Meine Liebe zu schönen Dingen, edlem Kitsch und eleganter Damenkleidung habe ich wohl von Omi geerbt. In meinem jetzigen Beruf in der Pflege brauche ich jedoch solche Dinge nicht mehr. Omi hat das nie gestört. Sie fand immer, dass ich mit meiner Arbeit dazu beitrage, dass Menschen ein schöneres Leben haben.

Omi hat dazu beigetragen, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Wenn ich in einem Café sitze, denke ich an unsere Erlebnisse zurück. Gerne würde ich noch einmal mit Omi draussen an der Sonne sitzen, eine Schale trinken und über Gott und die Welt diskutieren.

Im Garten

Heute habe ich zum ersten Mal wieder im Garten gearbeitet seit Omi nicht mehr da ist. Es war seltsam.

Ich habe die Tannzapfen unter der Tanne zusammengelesen. Omi hat die immer getrocknet und zum Anfeuern gebraucht. Wir tun es ebenso. Ich schneide die Rosen, die schon da waren, bevor Omi hier eingezogen ist vor über dreissig Jahren. Sie hatte immer grosse Freude, wenn ich ihr im Garten half, als sie es nicht mehr selber tun konnte.
Sie stand dann jeweils neben mir, schaute mir zu und motivierte mich.

Schon nach dem ersten Schnitt meinte sie jeweils: „Da chunnt guet.“ oder „Da machsch du guet, Meitli.“ oder „Bist du sicher, dass du das tun magst? Ist es nicht zu viel? Du arbeitest doch sonst so hart.“

Ich mochte es immer, für Omi im Garten was zu machen. Manchmal träumte ich davon, einen eigenen Garten zu haben.

Die Hortensienbüsche hat sie besonders geliebt. Sie hat sie vor einigen Jahren gepflanzt. Sie sind gewachsen und blühen jeden Sommer um meinen Geburtstag herum. Während ich die Stengel schneide, fährt es mir durch den Kopf: „Dieses Jahr bist du nicht dabei, Omi.“

Ich fange an, den Kompost umzuschichten und muss lächeln, weil Omi in ihren letzten Jahren im Haus so ziemlich alles im Kompost entsorgt hat. Die Sieberei war jeweils eine wahre Überraschung.

Meine Traurigkeit wird nicht weniger. Heute dachte ich mehr als einmal: gleich kommt Omi ums Haus und bringt mir einen Kaffee oder streichelt meinen Rücken.

„Warum bist du traurig?“, denke ich.
„Du fehlst, Omi.“

Frühlingsgrab

Frühlingsgrab

Seit Omi tot und beerdigt ist, verspüre ich den Wunsch, an ihr Grab zu gehen. Ich habe es aber erst heute geschafft. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte Angst, auf den Friedhof zu gehen.

Ihren Tod zu akzeptieren ist eine Sache. Ich weiss, Omi ist fast 89 Jahre alt gewesen und hatte ein volles Leben. Über „erfüllt“ mag ich gar nicht reden. Das weiss nur Omi alleine. Seit Tagen aber verspüre ich tiefe Trauer, wenn ich mich an Orten bewege, die uns beiden wichtig waren. Ich würde sehr gerne an Svens Grab vorbei gehen und mit ihm sprechen. Ich weiss genau, dass ich dann nur noch weinen würde, weil es mich so stark an alles Zurückgelassene erinnert.

Ich bekunde auch Mühe, in „unsere“ Cafés zu gehen. Omi und ich haben so viele Stunden bei Kaffee und Kuchen in Wil, Wattwil oder Lichtensteig verbracht, dass es mir jetzt einfach weh tut, ohne sie da zu sitzen.

Der Anblick ihres Grabes brachte mich an ihrer Beerdigung zum Weinen. Omi in Asche in diesem Loch zu wissen, schmerzte mich und brach mir fast das Herz. Kein Blumenschmuck, kein schöner Stein kann das heilen. Für mich liegt Omi Paula nicht in dieser kalten Erde verstreut.

Heute war ich schliesslich endlich da.
Die Sonne schien grell. Der Himmel war blau.
Omis Grab ist das erste jener Reihe und es ist so furchtbar klein.
Die Rosen ihres Grabschmucks sind längst erfroren.

Ich stehe da und meine Tränen tropfen auf den Boden,
ohne dass ich es verhindern könnte.

Mit einem Mal sind all die Erinnerungen an die letzten Wochen präsent:
Meine Angst, Omi endgültig zu verlieren. Die Kälte. Der viele Schnee.
Dann meine Müdigkeit und der Wunsch, einfach nur noch schlafen zu können, bis der Schmerz abgeklungen ist. Die Beerdigung. Die Klarheit, dass Omi nun einfach weg ist und ich von meiner direkten Familie nur noch meinen Vater habe. Die Erinnerungen an meine Kindheit im Thurgau und im Toggenburg.

Ich trete an Mamis Grab, das nur wenige Meter von Omis Grab liegt und nehme einen kleinen Engel weg. Omi hat die Engel auf Mamis Grab immer sehr geliebt. Ich stelle ihn zum Kranz und der Grabkerze, die jemand dort hingelegt hat.
Frühling, denke ich. Bitte komm und bleibe.

9. März 2017

Heute ist Omi acht Wochen tot. Es regnet in Strömen. Die Thur trägt ihr Wasser hoch und bei mir sind die Tränen zuvorderst. Das Vermissen ist stark. Ich sehne mich so sehr nach ihrer Stimme und ihrer Umarmung. Ich denke oft an unsere Treffen und worüber wir alles gesprochen haben.
Omi sagte oft: „Gell, du vergisst mich nicht.“
Nein. Das tue ich wirklich nicht.

Gestern las ich in der Zeitung, wie ein Mann eine Frau in Omis Alter schlecht behandelt hat und ich denke: „Zum Glück muss Omi sowas nicht erleben.“ Ich atme tief durch, denn ich bin froh, dass ich mir über solche Sachen keine Sorgen mehr machen muss.

Im Moment stricke ich viel. Irgendwie tut es mir gut, denn ich kann mich auf die Wolle und die Nadeln konzentrieren. Ich lese viel. Aber das Gefühl der Leere ist trotzdem stark. Ich denke oft: fast 40 gemeinsam Jahre sind nicht einfach in einem, zwei Monaten verschwunden. Es bleibt kompliziert.

Zwei Monate ohne Omi

Ich habs noch immer nicht geschafft, Omis Kisten aus dem Pflegeheim auszuräumen. Sie stehen im kalten Zimmer und ich hab das Gefühl, als schauen sie mich jedes Mal traurig an.

In der Kiste sind Fotos und Alben von Omi und mir und es tut mir einfach nur weh, wenn ich sie jetzt in die Hände nehme. Ich verfluche den Winter, denn ich mir sicher, wenn ich endlich Blumen auf dem Grab pflanzen könnte, ginge es mir besser.

Ich vermisse Omis Geruch, ihre Haare, die sie immer schön von mir gekämmt haben wollte. Ich vermisse es, über ihre langen Hände zu streicheln. Dass ihr Ehering jetzt an meiner Krähenkette hängt, tröstet mich nur bedingt. Es scheint alles auseinander gerissen, was zusammen gehört.

Jetzt sollte ich mich auch damit auseinander setzen, welcher Grabstein irgendwann auf Omis Grab stehen sollte. Schliesslich gehts ums Bezahlen, ums Erben. Ich mag jetzt nicht Steine aussuchen. Mit einem Stein auf dem Grind ist alles endgültig. Am liebsten würde ich warten, bis Opas Grabstein in ein paar Monaten entfernt werden muss, denn Omi hat ihn gemocht.

Manchmal rinnen mir einfach die Tränen aus den Augen und ich weiss gar nicht weshalb. Manchmal verspüre ich einen so tiefen Schmerz in der Herzgegend, dass ich denke: jetzt gehst du auch. Dabei ist es noch nicht an der Zeit. Ich muss endlich wieder in den Garten. Meine Hände müssen die Erde spüren, damit auch sie wissen: Lebe.

Vergissmeinnicht

Nach einigen Tagen voller Arbeit und wenig Zeit fürs Sinnieren, überkam mich heute wieder die Wehmut. Omi fehlt mir so.
Die Auflistung der Bestattungskosten zeigt mir deutlich auf: Omi ist weg.

Ich habe heute mit einer Freundin, die ebenfalls einen lieben Menschen verloren hat, über die Zeit zum Trauern gesprochen. Zeit fürs Trauern bedeutet immer Zeit für mich. Zeit für meine Gefühle. Zeit, irgendwie weiter zu leben.

Mir scheint, als wäre jetzt gerade die Zeit zum Loslassen. Mein schöner, alter Mercedes gibt langsam den Geist auf und ich bemerke, dass ich, wider meine Befürchtungen, kein Problem damit habe. Dabei habe ich damals das Auto extra gekauft, damit Omi beim Einkaufen besser ein- und aussteigen kann und bequemer sitzt. Vor fünf Jahren fuhr sie das letzte Mal mit. Jetzt brauche ich kein solches Auto mehr.
Heute ist es viel eher so, dass ich mich freue, einen 4×4 zu kaufen.
Mir scheint, als entledige ich mich des Panzers, der mich so viele Jahre geschützt hat.

Ich freue mich auf den Frühling, wenn ich Rasen mähen und den Garten umgraben kann. Da ist mir Omi nahe und ich habe Zeit, um sie zu weinen, derweil ich die Erde spüre und mir die Sonne auf die nackte Haut scheinen lasse.

Ich war seit der Beerdigung nicht mehr an Omis Grab. Ich schaffe es einfach nicht.