Farewell my friend

Gestern war der Tag, wo sich unsere Wege nach fast 18 Jahren getrennt haben. Ich wusste, dass es bald soweit sein würde, dennoch wurde ich überrollt, wie schnell es vor sich ging.

Am Tag nach meinem Geburtstag wecktest du mich im Bett. Du wolltest vom Milchschaum meines Kaffees. Das war während vieler Jahre unser Morgenritual. Du hast jeweils drei Mal meinen Finger voller Schaum abgeleckt, dann bist du aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinab gesprungen.

Im Laufe des Tages verliessen dich deine Kräfte sehr schnell. Du verbrachtest den Montag an der Sonne liegend auf Saschas Bürostuhl, zufrieden und ruhig. Am Dienstag mochtest du nicht mehr herumlaufen, sondern schliefst einfach auf dem Teppich. Am Abend dann bist du ins Bad gegangen und hast dich dort auf den Badewannenvorleger gelegt. Am Mittwochmorgen wussten wir, dass wir der Tierärztin Bescheid geben würden. Wir wollten dich nicht mehr irgendwo hin transportieren.

Du hattest ein seltsames, sehr kätzisches Wesen. Du warst zärtlich, aber auch sehr egozentrisch, was deine Fress- und Trinkbedürfnisse anging. Mit grosser Geduld hast du täglich eingefordert, was dir gebührte. Mir schien, als würde dir das Leben am besten behagen, wenn Sascha und ich wie faule Würste auf dem Sofa in der Stube lagen und du abwechslungsweise auf uns schlafen konntest.

Dein Fell war wunderschön und von einer aussergewöhnlichen Textur, auf die einen mochte es schwarz wirken, doch wenn man dich genau anschaute, konnte man die dunkle Schokolade erkennen. Deine Augen waren die einer Eule, gross und gelb, dein Blick intensiv. Du warst eine wunderschöne, stolze alte Löwin.

Du liebtest Musik. Wenn Sascha Bass übte oder sich lautstark Death Metal anhörte, dann sassest du auf dem Lautsprecher und blicktest wie eine Sphinx drein, so als wüsstest du alle Geheimnisse der Welt. Als wir 2015 hierher zogen und im August die Jazztage stattfanden, direkt vor unserer Haustüre, warst du sichtlich beeindruckt. Du hast die drei Tage am Fenster verbracht, voller Faszination für die Jazzmusik aus dem Postzelt, das direkt über unserem Haus aufgebaut war. Zu gerne hätten wir mit dir noch einmal die drei schönsten Tage unseres Städtlis miterlebt.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit für ein Katzenleben, aber auch für mich. Dich loszulassen war einfach nur schmerzhaft und ist es noch immer. Mir fehlen deine Eigenheiten, dein forderndes Miauen, deine Spleens und deine nächtlichen Besuche im Bett, wenn du auf meine Brust gehockt bist und mich einfach angestarrt hast.

Ich will nicht über deinen Tod nachdenken, denn er kam schnell. Die Zeit davor war wunderschön und ich war so stolz, mit dir zusammen zu leben. Du warst für mich die Katze, die ich immer haben wollte, mein seltsames Fabelwesen, meine Schicksalsgefährtin, meine Inspiration für Figuren in Kurzgeschichten.

Du hast mir in deinen letzten Minuten deine Pfote auf die Hand gelegt. Dein Blick ging nach dem Fenster, so als wolltest du vorsorgen, dass deine Seele, und ja, ich bin überzeugt, dass du eine hast, entschwinden kann. Es ging sehr schnell, denn du warst bereit zu gehen und ich wollte dich gehen lassen. Auch wenn ich mich jetzt sehr einsam fühle, so als katzenverwaister Mensch.

Was bleibt sind viele Fotos und meine Erinnerungen an dich, geliebte Katze. Mach es gut.

Die Fotos stammen alle von Sascha @nggalai Erni

Fünf Jahre

Fünfeinhalb Jahre

Bald leben wir ein halbes Jahrzehnt hier im Toggenburg und die Zeit scheint zu rasen. In wenigen Tagen werde ich 43 Jahre alt und mir scheint, als gehe vieles sehr schnell.

Das Haus hat sich verändert. Der Garten nicht.
Im Garten wachsen Rosen und andere Pflanzen. Viele Tiere halten sich bei uns auf, angefangen bei Schmetterlingen, Ameisen, Bienen, verschiedensten Vögeln wie Elstern, Wasseramseln, Kleibern, Buntspechten, Spatzen, Kohlmeisen, dann Füchse, Marder, Igel und all die Nachbarskatzen…

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass Omi seit 2017 nicht mehr lebt. Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich sie über zwei Monate nicht mehr hätte besuchen dürfen? Wie hätte sie verstanden, was eine Pandemie ist? Sie hat weiss Gott vieles erlebt, aber das ist ihr erspart geblieben!

Ich denke oft an die Angehörigen jener älteren Menschen, die in Pflegeheimen verstorben sind. Die nicht besucht werden durften. Es tut mir weh, denn ich weiss genau, wie wichtig diese Begegnungen für Angehörige und die älteren Menschen sind. Man sieht sich. Umarmt sich. Redet.

Ich kann nur ahnen, wie viele Angehörige ihre älteren Menschen nicht mehr besuchen konnten. Vor dem Tod. Was für eine Lücke das hinterlässt. Was für Narben bleiben. So viel sollte noch besprochen werden. So viele Umarmungen fehlten noch. Es brauchte so viele wichtige Gespräche. Verzeihungen. Entschuldigungen. Liebesbekundungen. Letzte wichtige Worte. Von allen Seiten.

Allesamt sind sie in vielen Situationen ausgeblieben. Die Hinterbliebenen bleiben vielfach mit ihren Emotionen alleine. Trauerarbeit bleibt auf der Strecke in einer Zeit, wo die einen Rücksicht auf andere unternehmen und andere Party machen.

Feriengefühle

Das letzte Mal, dass ich Ferien hatte, war im Oktober des letzten Jahres. Ich machte Wanderungen, Ausflüge und besuchte die OLMA. Jetzt ist bald Juni und ich weiss gar nicht, ob es dieses Jahr eine solche Messe noch geben wird.

Ferien habe ich jetzt eigentlich nur, weil ich dachte, dass ich nächste Woche an die Jagdprüfung gehen würde. Ich habe viel gelernt und mich darauf gefreut, auf die Fragen der Experten gute Antworten zu geben.

Doch auch daraus ist nichts geworden. Die Prüfungen sind für dieses Jahr abgesagt. Das hat mich im März schon recht aus der Bahn geworfen, wohl weil ich so viel Energie ins Lernen und in die Besuche der Kurse gelegt habe. Es fiel mir leicht, denn ich lernte mit grosser Freude und Neugier. Dass ich mit einem Mal mit nichts mehr dastand, war für mich schwierig.

Die Natur war denn auch während des Shutdowns mein Trost: Ich nahm wahr, wie sich alles nach dem Winter wieder aufrappelt, wie die Bäume spriessen, die ersten Blumen erblühen. Dann die Apfelblüte, der Bluescht im Thurgau, die noch schöner erschien als all die Jahre zuvor, wie ich zum ersten Mal auf freier Wildbahn Hasen erblickte, wie ich Rehe nachts beobachtete und die verliebten Elstern in unserer Tanne. Ich habe unzählige wunderschöne Sonnenuntergänge fotografiert und mich an den blühenden Rosen und den zum ersten Mal erblühenden Iris in unserem Garten erfreut.

Ich ging arbeiten wie immer, darüber war ich dankbar. Die Sorge um die Menschen, die wir als Team begleiten, war gross. Es ist eben nicht einfach so, dass man in unserem Beruf nur für sich selber Verantwortung trägt. Das wurde mir sehr klar in den letzten Wochen.

Ich sorgte mich um meine Eltern. Das Gefühl, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie auf sich alleine gestellt sind, beschäftigte mich stark. Mir fehlen unsere Umarmungen, unsere Gespräche am Küchentisch und ich fühle mich traurig, weil ich ihnen nicht so zur Seite stehen konnte, wie ich es wollte. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater und ich im Mai vor neun Jahren gemeinsam eine Krähe aufgezogen und auswildert haben. Wie mein Vater mir vor sechs Jahren gezeigt hat, wie ich eine Wiese von Hand und mit der Fadensense mähen kann. So viel ist passiert in kurzer Zeit.

Glücklich machen mich die Treffen mit den Menschen, die ich sehr schätze und während der letzten Wochen vermisst habe. Ich bin über mich selber erschrocken, wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Bin das wirklich noch ich?

Die nächsten Tage werde ich viel schlafen und im Garten arbeiten, Sport treiben und einfach draussen sein. Ich freue mich.

Macht uns Corona zu besseren Menschen?

Die letzten paar Wochen waren für uns alle hart. Viele von uns haben menschliche Kontakte gemieden – und darunter gelitten. Ich bemerke beim Schreiben gerade, dass ich „uns“ und „wir“ sehr viel mehr gebrauche. Es scheint mir, dass zumindest beim Reflektieren jeglicher Egoismus für den Moment abgelegt ist. Schliesslich geht es jedem „in dieser schwierigen Situation“ gleich. Und doch nicht.

Wenn ich Menschen treffe, ich gebe zu, das fehlt mir nach wie vor schwer, fühle ich mich unbeholfen. Es scheint, als wäre ich aus der Übung, guten Freunden, meinen Eltern gegenüber zu sitzen. Darf ich jetzt die Hand geben? Oder doch lieber nicht? Was soll ich im Kontakt mit einem anderen Menschen tun, wenn ich diesen doch immer zur Begrüssung herzlich umarmt habe? Worüber sprechen?

Die letzten Wochen haben jeden von uns – schon wieder! – geformt. Die einen hatten wenig Arbeit, Angst um ihren Job, wiederum andere sind vor lauter Arbeit fast ersoffen. Andere wiederum haben x Wochen ihre Kinder zuhause gehabt, von zuhause gearbeitet. Erholung wie früher ist mit einem Mal ein Fremdwort.

Beeindruckt haben mich aber Aussagen wie „die Verlangsamung hat mir gut getan“ und „weniger Sitzungen – auch nicht verkehrt“. Zeigen sie nicht auf, dass zumindest das etwas Gutes an der ganzen schwierigen Phase in unser aller Leben war und ist? Wir Menschen sind offenbar nicht nur für Schnelligkeit und Stress gemacht. Es kann uns auch wirklich gut gehen, wenn es etwas entschleunigt zu und her geht.

Mühe macht mir nach wie vor die Tatsache, dass ältere Menschen in Pflegeheimen, Menschen mit Beeinträchtigung in Wohnheimen, Sterbende nur beschränkt Kontakt zu ihren Angehörigen haben können. Das ist in meinen Augen eine menschliche Katastrophe und es macht die ganze Chose nicht besser, wenn gewisse Menschen diese Personengruppen per se mit „die wären ja eh gestorben“ betiteln.

Ich vermisse den Kontakt zu meinen Eltern. ich möchte mit ihnen zusammensitzen, Kaffee trinken, zuhören, reden und ihnen einfach nahe sein. Gerade für Menschen mit einer Demenzerkrankung ist doch der menschliche Kontakt, die Nähe, die sinnliche Erfahrung des Gegenübers so wichtig.

Etwas anderes habe ich aber in den letzten Tagen auch noch erfahren: Die Corona-Situation macht viele von uns sensitiver. Noch selten zuvor habe ich mit Männern und Frauen so tiefe, persönliche und offene Gespräche geführt wie jetzt.

Jeden bewegt etwas: die Sorge um die eigenen, alten Eltern, das Bemerken des sich Fremdfühlens, das Wahrnehmen von Verunsicherung, Angst um den Arbeitsplatz, das Fehlen der Freunde.

Ich hoffe ganz fest, dass diese Kompetenz des Redens, ja des Aussprechenmüssens weiter anhält, denn sie macht uns Menschen zu wirklich echten, guten, feinfühligen Menschen.

(m)eine Ode an @dreizehntel

Liebste Katze, mein liebes Dreizehntel

morgen ist also dein 18. Geburtstag. Meine Güte. Für eine Katzendame bist du genau im richtigen Alter. Nichts kann dich aus der Ruhe bringen, ausser vielleicht die freche Amsel, die dich manchmal vor dem Stubenfenster ärgert. Aber sonst bist du die Ruhe selbst.

Im Oktober 2002 warst du eine kleine, finöggelige Katze, ohne Schnurrbarthaare, mit einem Pilz im Gesicht, Flöhen und riesigen gelben Augen. Ich habe mich, ganz ehrlich, sofort mit Haut und Haar in dich verliebt. Ich habe mir immer eine schwarze Katze gewünscht, und indem ich dich traf, wurde dieser Wunsch erfüllt.

Ich war gerade mal 25 Jahre alt, mitten in der Ausbildung zur Agogin. Wir hatten einige Tage Seminar im Künstlerhaus Boswil im Kanton Aargau. Und plötzlich warst du da. Die erste Begegnung werde ich nie vergessen: Du warst pflutschnass vom Regen, hattest ein wunderbares Fell und vor nichts Angst. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass der Wirt dich totschlagen sollte. Auch er hatte wenig Freude daran. Aber offenbar hielt man dich für ein räudiges kleines Kerlchen, das jegliches Recht auf Leben verwirkt hatte.

Ich nahm dich also mit, um dich zu retten. Eine Nacht schliefst du in meinem Bett im Herberge-Zimmer. Du hast viel gefressen, viel geschlafen. In einem Karton bist du in meinem ersten Auto gereist. Natürlich hast du ihn in wenigen Momenten mit deinen scharfen Krallen zerrissen.

Autos sind deine geheime Leidenschaft. Du bist oft mit mir über Autobahnen gependelt. Wo ich war, warst du nie fern. Dein erster Tierarzt prophezeite mir: „An dieser Katze haben Sie genug für ein Leben.“
Er hat Recht.

Du warst an meiner Seite, als ich meine Mutter im Pflegeheim besuchte. Sie hatte sich so sehr eine kätzische Begegnung gewünscht. Negi, ihr geliebter Büsi war einige Jahre zuvor gestorben. Du warst da und bist ohne Scheu auf sie zugegangen. Du hast sie getröstet und mich auch. Selbst in den schlimmsten Stunden.

Ehrlich gesagt lebe ich mit dir am längsten zusammen. Nie war ich so lange bei meinen Eltern, nie mit einem Mann. Aber du warst immer da.

Als ich sehr krank wurde, warst du da. Du hast auf meiner Brust, meinem Bauch geschlafen. Du hast Trost gespendet, beharrlich deine Noms verlangt. Du bist meine treueste und liebste Freundin. Du hast den Umzug ins Toggenburg problemlos überstanden und dir das Haus erobert.

Ach, liebe Dreizehntel. Jetzt bist du 18 Jahre alt und wunderschön. Ich liebe dein morgendliches Gegurre, dein Einfordern von Milchschaum, Toni-Joghurt mit Schoggi-Aroma, deinen Blick, wenn es im Haus warm und sonnig wird.

Ich erachte es noch immer als grosses Privileg, dass wir beide uns getroffen haben. Dass du gerne auf mir schläfst, mich morgens freundlich angurrst und du uns nachts weckst, wenn grad irgend ein wildes Tier durch den Garten streicht.


Liebe Dreizehntel, du bist meine absolute Lieblingskatze! ❤

Geh deinen eigenen Weg!

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so ein Ostern wie dieses Jahr erlebe.
Eigentlich – das Wort passt irgendwie in diese Zeit – hätte ich ein paar Tage frei gehabt. Aber weil alles nun anders ist, habe ich heute gearbeitet. Ich hatte vorgehabt, mit meinen Eltern und Sascha fein essen zu gehen.

Ostern war immer eines jener Feste, die wir hier im Toggenburg gemeinsam gefeiert haben, zuerst mit den Urgrosseltern, später mit Omi und Opi, dann nur noch mit Omi und den Eltern, schliesslich mit den Eltern und Sascha. Ich dekorierte den Garten, hängte Deko-Eier an den Rosenbüschen auf, holte alle Porzellanhasen und -enten hervor und drapierte sie in den Gartenbeeten. Gutes Essen war auch immer wichtig, sei es in den eigenen vier Wänden oder aber in einem feinen Restaurant.

Heute aber habe ich meinen Frühdienst geleistet und mir gedacht, wie wichtig diese unsere Arbeit ist. Wir betreuen Menschen und sorgen dafür, dass sie ein gutes Leben haben. Das gelingt tagtäglich und es ist wichtig, darauf stolz zu sein, auch wenn alles andere drumherum grad recht schwierig ist.

Doch mir war auch klar, dass ich so oder so meinen Eltern ihren Osterhasen und ihre Geschenke vorbei bringe. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen. Die Situation war jedoch sehr ungewohnt: Wir sprachen uns telefonisch ab. Ich klingle und meine Stiefmutter fährt meinen Vater ans Fenster, damit wir in Abstand miteinander reden können.

Ich hatte Angst vor diesem Moment, dass ich zu emotional sein könnte und dass mein Vater anfängt zu weinen, wenn er mich so sieht. Ich habe keine Angst vor der Emotion als solches, aber ich weiss, dass meine Stiefmutter das nachher aushalten muss. Das ist hart und das will ich nicht.

Aber ich hatte mir zuviel Gedanken gemacht: Mein Papi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und ich tat es auch. Wir sprachen über die Idioten, die nun auf Rorschachs Strassen rasen wollen und von der Kantonspolizei verzeigt werden, darüber dass meine Eltern nun seit bald fünf Wochen zurückgezogen leben und sich den Einkauf vor die Türe bringen lassen. Wie toll es ist, dass so viele Geschäfte Frauenfelds überhaupt nach Hause liefern. Dass es keine Physiotherapie, kein Tagesstättenangebot mehr für meinen Vater gibt und er das ziemlich sch* findet.

Derweil haben auf der Terrasse gegenüber die Nachbarn gefeiert. Mindestens 10 Leute, lauthals. Von „Mindestabstand“ keine Spur. Es ist eine verdammte Farce, denke ich. Ich hätte so viel dafür gegeben, meinen Vater heute mit gutem Gefühl umarmen zu können und tue es nicht, um ihn nicht zu gefährden.

Als Jugendliche habe manchmal, nicht sehr nett, ich zu meinen Eltern gesagt: „Warum darf ich das nicht? Alle anderen machen das auch!“ Meine Mutter antwortete darauf: „Wenn alle anderen zum Fenster rausspringen und sich so verletzen, tust du das dann auch?“
Meine Mutter hatte Recht.

Zum Abschied meines Fenster-Besuchs wünschte ich mir, dass wir bald wieder einmal gemeinsam einen Spaziergang machen können. Aber mein Vater hat einen viel besseren Wunsch: Bald wieder gemeinsam fein essen gehen. Zusammensein. Ich weine nicht, als ich weg gehe. Erst zuhause. Aber vielleicht liegt das auch an den Pollen.

Vom Tod in schweren Zeiten

Jeden Morgen, so es das E-Paper zulässt, lese ich unsere Zeitung. Ich lese den Hauptteil, die Regionalseiten und die Todesanzeigen. Seit einigen Wochen stelle ich eine grosse Veränderung fest.
Wo früher einfach stand: „Beisetzung im engsten Familienkreise“ stehen heute so Sätze wie „In Anbetracht der aktuellen Situation findet die Beisetzung im engsten Familienkreis statt“ oder „Der Zeitpunkt für eine spätere Trauerfeier wird noch bekannt gegeben“ oder „Die Trauerfeier wird im Sommer nachgeholt, dann wenn man sich wieder in grösseren Gruppen treffen darf.“

Mich rührt so etwas zutiefst. Es scheint uns Menschen ein Bedürfnis, gemeinsam zu trauern. Und so schwer jetzt alles ist: Die Vorstellung, dass wir mitten im Sommer oder im Herbst vielleicht gemeinsam zusammensitzen, um um all jene zu trauern, die uns jetzt verlassen und um die wir zu diesem Zeitpunkt nicht gemeinsam trauern können, stimmt mich zuversichtlich.

Der Tod, das Sterben, scheint an jeder Hausecke zu lauern. Wir sind nicht unverletzlich und alles ist vergänglich. Schlussendlich sind wir alle nur ein kleiner Teil des grossen Ganzen. Das ist zwar auf den ersten Blick schrecklich, aber irgendwie auch tröstlich. Carpe diem.

übergeordnete Ereignisse

Die letzten Monate habe ich nur für meine Prüfung im Juni gelernt. Dank #fuckyoucorona fällt die für dieses Jahr total flach. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggerissen, weil ich offenbar nur dafür gelebt habe. Jede freie MInute habe ich mich darin vertieft und dafür gelernt. Jetzt stehe ich einfach vor einem tiefem Loch.

Ich hab die letzten Tage nicht wenige Tränen darüber vergossen. Wenn man anderthalb Jahre auf ein Ziel draufarbeitet, und das wegen einem „übergeordneten Ereignis“ einfach wegfällt, ist das wie ein Schlag in die Magengrube. Ich brauche da einfach ein wenig Zeit, bis ich mental wieder auf den Beinen bin.

Natürlich habe ich jede Menge Bücher zur Seite, die ich noch lesen und rezensieren will. Es gibt so viel, was es zu entdecken gilt. Ich will weiter an kalligraphischen Übungen arbeiten, will weiterhin Vögel und Bäume bestimmen, mich draussen bewegen und Bulletjournal-Beiträge schrieben.

Mein Herz hingegen schlägt an einem anderen Ort. Ich würde gerne meinen Eltern unter die Arme greifen, damit sie in dieser Krise nicht alleine sind, im Wissen, dass sie alles eh alleine schaffen. Ich will, dass es ihnen gut geht, dass sie sich nicht zu sorgen brauchen. dass sie wissen, dass ich für sie da sein will. Dass sie nicht alleine alleine sind.

Die physische Entfernung zu meinen Freundinnen und Freunden macht mir zu schaffen. Ich lege im Berufsalltag wenig Wert auf Nähe. Im Privaten fehlt sie mir nun. Keine Gespräche mehr bei Rotwein und Kerzenlicht, keine Sitzungen mehr, wo wir uns austauschen. Die menschliche Nähe ist mit einem Mal weg.

Abstand halten

Was in den letzten Tagen so abgegangen ist, hätte ich mir nie träumen lassen. Es fühlt sich irgendwie an, als wären wir alle Charaktere in einem Stephen-King-Roman. Ich fühlte und fühle mich wie in einer Art Tunnel. Alles verändert sich grad sehr schnell, dass ich gar nicht nachkomme mit realisieren, was es für mich, für uns bedeutet.

Gestern abend dann schaffte ich es mit meinen Eltern zu telefonieren. Ich war emotional, sie gar nicht. Für sie ist das Abgeschnittensein von der Welt „da draussen“ seit vielen Monaten Realität. Durch die Gehbehinderung meines Vaters sind sie arg eingeschränkt in all ihrem Tun und bestimmt nicht die Art Rentner, die andere nerven oder in Cafés rumhängen. Mit dem Rollator kommt mein Vater da nicht mal mehr rein.

Sie nehmen alles recht gelassen. O-Ton mein Vater: „Das ist nicht mein Virus.“ Und er hat damit nicht unrecht, aber auch nicht recht.
Was ihn, den 72jährigen sportbegeisterten Mann beschäftigt, ist die Tatsache, dass kein Live-Sport mehr läuft. Mir war gar nicht bewusst, wieviel Halt ihm das im Alltag des Älterwerdens gab.

Das einzige, was ihnen jetzt noch bleibt für ihre psychische und körperliche Gesundheit ist der tägliche Spaziergang. Nicht auszudenken, wie es ihnen gehen würde, wenn es eine Ausgangssperre gäbe.

Zu gerne würde ich jetzt bei ihnen sitzen, Kaffee trinken und meinen Vater umarmen. Aber auch diese Türe ist mit einmal zu und ich hasse es zutiefst. Ich bin ein eher introvertierter Mensch, so dass ich nicht mal so sehr unter den reduzierten Sozialkontakten leide. Aber die Umarmungen meiner Freundinnen und Freunde, meiner Eltern, die vermisse ich.

Ich, die Vatertochter.

Wahrscheinlich bin ich das, was man eine „Vatertochter“ nennt. Schon in frühen Jahren stand ich meinem Vater näher als meiner Mutter. Vielleicht lag das daran, dass sie beide einen Sohn verloren hatten. Als Erstgeborene hatte ich plötzlich mehrere Rollen auszufüllen.

Mein Vater hat mich insofern geprägt, als dass er mich zu beruflicher Unabhängigkeit motivierte. Es schien für ihn nichts Mühsameres zu geben, als eine Frau, die in der Ehe von ihrem Mann finanziell abhängig ist. Er sagte zu mir: „Lass dir einfach nie auf die Kappe scheissen von einem Typen.“
Welchen Beruf ich lernen sollte, war ihm recht gleichgültig. Ich durfte das tun, was ich liebte und wonach mir der Sinn stand.

Sehr gerne wäre ich Archäologin geworden. Das war von allen Berufen, die ich im Alter von acht Jahren kannte, der liebste. Ich liebte das Buddeln in der Erde, mir war nichts zu schmutzig.
Der zweite Beruf, den ich gerne gelernt hätte, war jener der Schriftstellerin. Ich stellte mir dies wunderschön vor: Stundenlang an einer Schreibmaschine sitzen (unsere hiess Daniela) und sinnierend zu tippen. Jahre später, ich besass bereits einen PC, erfuhr ich dann an am eigenen Leib, wie anstrengend und zehrend dies sein kann.
Schliesslich bewarb ich mich in einer Confiserie, weil ich Schokolade und andere wunderschöne Sachen aus Teig und Schokolade immer sehr bewundert und geliebt habe. Mein Vater trug meinen Entscheid mit und besuchte mich mit seiner Frau manchmal sogar samstags in meinem Lehrgeschäft. Es gab die besten Crème- und Rahmschnitten und die unvergesslichen Nusstörtli. Die vermisse ich heute noch. Sehr.

Das ist nun über 20 Jahre her und ich bemerke, das sehr vieles an mir vorbei gezogen ist und sich verändert hat. Meine Liebe zu schönen lauten Tastaturen, wunderbarer Schokolade und zur Archäologie ist geblieben. Geblieben sind auch meine Erinnerungen an damals, an meine Mutter, meine Omi und all jene Menschen, die mich damals geprägt haben. Einige dieser Menschen leben leider nicht mehr und ich vermisse sie sehr.

Gelernt habe ich schliesslich als Zweit-Beruf Agogin, was heute gendergerecht „Fachfrau/Fachmann Betreuung“ oder in kurz Form FaBe heisst. Seltsamerweise habe ich in dieser Berufsausübung alles gefunden, was mich (heute) glücklich macht. Ich befasse mich mit Sprachen, Technik, menschlichem Verhalten, lebenslangem Lernen, Kommunikation und PR. 1999, als ich in diesen Berufszweig einstieg, hätte ich all das nie gedacht. Alles verändert sich so schnell, dass man – rückblickend – fast nicht mitkommt.

Was mir ebenfalls bleibt, ist der Wunsch, andere Frauen zu unterstützen in der Umsetzung ihrer Träume und Wünsche. Diese Arbeit macht mich glücklich, denn sie bringt uns alle voran.
Frauen sind das Salz der Erde.