Für meinen Vater

Am Montag wird mein Papi 70 Jahre alt.
Er wuchs auf einem Bauernhof auf einer Hügelkette im Thurgau auf.

In meiner kleinkindhaften Erinnerung ist mein Vater jener bärtige Mensch, der mich auf den Schultern trägt. Er freute sich riesig, wenn ich mit meinem Dreirad herumfuhr. Er erzählte mir, dass ich ihn jeweils angefeuert habe, wenn wir gemeinsam, ich auf dem Kindersitz, er lenkte sein Militärvelo, in Richtung Sonnenberg fuhren.

Mein Vater hat mich, als ich nach meinen Hüft-OPs nicht mehr laufen konnte, motiviert, weiterzumachen, wieder laufen zu lernen. Er hat an mich geglaubt und staunt heute manchmal darüber, dass ich noch immer kräftige Beine und einen starken Körper habe.

Mein Vater ist mein Fels in der Brandung. Er ist mir in vielerlei Hinsicht ein Vorbild: Er liebt Tiere, Kaninchen, vor allem Vögel. Diese Liebe hat er mir weitervererbt. Dass wir vor einigen Jahren alle gemeinsam eine kleine Krähe aufzogen, gehört zu den glücklichsten Momenten meines Lebens.

Er liebt die Natur, Blumen und Bäumen. Auch diese Liebe habe ich übernommen und lebe sie auf unserem Land weiter aus. Ich bin froh, dass er mir gezeigt hat, wie ich die Wiesen von Hand und mit der Maschine mähen kann.

Mein Vater war immer für uns Kinder da. Wo andere heute nach Kinderkrippen und Fremdbetreuung rufen, hat er in den 80ern entschieden, einen Beruf auszuüben, wo er für uns Kinder immer in Reichweite war. Auch wenn dies für ihn persönlich eine Zerreissprobe bedeutete. Mein Vater hat nach der Scheidung von unserer Mutter das Sorgerecht bekommen. Ich war erleichtert, bei ihm weiter aufwachsen zu dürfen. Mit seinem Verantwortungsgefühl für uns Kinder hat mein Vater mein Männerbild geprägt.

Mein Vater hat mich in der Berufswahl insofern beeinflusst, dass er immer darauf hinwies: „Du musst selbständig leben können und dein eigenes Geld verdienen. Du darfst nie abhängig von einem Ehemann sein.“

Mein Vater mag meinen Freund und irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sascha für ihn wie ein Sohn ist. Das schätze ich.

Mein Vater ist ein starker Mann, doch er kann seine Gefühle zeigen. Das mag ich an ihm und ich wünschte mir, dass noch sehr viel mehr Männer wie er wären.

Lieber Papi, alles Liebe zum Geburtstag! ❤

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Das Telephonat

Ich kriege selten noch Anrufe aufs Festnetz, weil praktisch keiner mehr von jenen lebt, die es gerne und häufig benutzt haben. Meine Nummer hatten lediglich meine Eltern, Omi Paula und – Mamis Freund W.

Heute abend nun ruft W., nach über zehn Jahren – unverhofft – an. Es ist so viel Zeit in unserer beider Leben vergangen. Er verlor vor zehn Jahren die langjährige Freundin, ich die Mutter.

Ich bin erstaunt, dass er ausgerechnet mich anruft, doch ich freue mich. Ich lächle am Telefon. Meine Mutter hatte ihn furchtbar gern. In ihren Tagebüchern schreibt sie immer wieder über ihn. Ist es überheblich, dass ich mich für sie freue?

Für einen Moment tauchen mir die Bilder ihres Sterbens vor meinem Augen auf. Meine Mutter, die röchelnd da liegt. W., der hilflos und trauernd neben mir sitzt. Ich, die spüre, dass nun alles anders wird, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Wie ich die ganze Nacht neben ihr wache, sie loslassen muss, obwohl ich es jetzt gar nicht mehr will.

Wir sprechen über vieles; ihren Tod, ihre letzten Jahre mit ihm und die Tatsache, dass sie ihn an Svens Grab mitnahm. Das konnte ich fast nicht glauben, denn sie hat mir gegenüber alles abgewehrt, was mit meinem Bruder zu tun hatte. W. gegenüber aber zeigte sie sich offen. Er beschreibt mir seine Hilflosigkeit im Umgang mit ihrer Trauer und ich denke: Auch du. Willkommen im Club.

Wir reden und reden und er rechtfertigt sich, dass er mich angerufen hat. Er sagt, er hat Mami versucht die Welt zu zeigen, auch wenn sie am 2. September 2001 in Wien für sie beide endete. Sie war 50 Jahre alt und danach ging die Welt beinahe unter und 6 Jahre später ist sie tot. Er war damals 65 Jahre alt und die besten Jahren erwarteten ihn noch. Er liebte sie und hatte seit ihrem Tod keine neue Beziehung mehr angefangen.

Er erzählt mir, eine alte Freundin meiner Mutter wollte Omis Grab besuchen und fand es nicht. Ausgerechnet! Omis Grab liegt zwei Meter von Mamis Grab entfernt! Lappi!

Da ist all die Jahre ein Mensch da, der an dich gedacht hat.
Der noch immer deinen Namen weiss, der wenig vergessen hat.
Der mit deiner Mutter am Grab deines Bruders war und seinen Namen noch weiss.
Der deinen Beruf kennt.
Der weiss, dass du irgendwo da draussen bist.
Der einige Tage nach seinem 75sten einfach deine Nummer wählt, weil er sie vor über 10 Jahren aufgeschrieben hat und sie immer aufbewahrt hat.

Als ich von zuhause wegging

Im Sommer 1993 begann ich mein Au-Pair-Jahr in Nyon. Ich weiss bis heute nicht genau, was mich dazu getrieben hat. Vielleicht war einer der Gründe, dass ich meine gewünschte Lehrstelle als Buchhändlerin nicht bekommen hatte. Stattdessen hatte ich für 1994 eine Zusage für die beste Lehrstelle der Welt in einer kleinen Frauenfelder Confiserie erhalten.

In der Sekundarschule war ich keine Leuchte in Französisch. Es fiel mir aufgrund verschiedenster Umstände schwer und ich fühlte mich ungenügend. Meine Liebe galt Deutsch. Von mir aus hätte es fünf Tage die Woche Deutsch- oder aber Geschichtsunterricht geben können. Ich wäre glücklich gewesen.

Der Entscheid, in die Romandie zu fahren, war ein Versuch, mich meinen Schwächen zu stellen. Unbewusst bin ich wohl auch vor meiner Mutter geflohen. Mitten in der Pubertät wollte ich nur noch weg von zuhause und mein Leben leben. Ich war 16 Jahre alt und fühlte mich bereit für die grosse weite Welt. In Nyon war ich nurmehr „la petite Thurgovienne“. Das gefiel mir nicht schlecht.

Ein Jahr lang lebte ich in einem kleinen Dorf bei Nyon, schaute für zwei Kinder, putzte ein wenig und ging zwei Mal pro Woche in den Französisch-Unterricht. Schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich das Französisch-Diplom in Annemasse machen wollte. Monate des Übens lagen vor mir. Die Auseinandersetzung mit der Grammatik, der französischen Literatur und des französischen Films begeisterten mich. Meine Erfahrungen in der Sekundarschule waren mit einem Mal vergessen. Ich bemerkte, wie schnell ich lernen konnte und das machte mich stolz und glücklich.

Ich hielt intensiven Briefkontakt mit Omi Paula und meiner Mutter. Zur gleichen Zeit zerbrach die Ehe meiner Eltern. Als ich aus der Romandie zurückkehrte, war meine Mutter ausgezogen und mein Vater zog mit seiner Freundin zusammen. Zum ersten Mal erlebte ich ihn wirklich glücklich.

Ich aber tat mich anfangs schwer, mich wieder einzuleben. Ein Jahr lang hatte ich nur noch Französisch gesprochen, sogar auf Französisch geträumt. Zurück in der thurgauischen Pampa war alles anders. Ich konnte nicht mehr schreiben. Ich hatte mich meiner Familie entfremdet und fühlte mich als Aussenseiterin. Glücklicherweise konnte ich am 2. August 1994 meine Lehre beginnen, so dass sich schnell wieder alles zum Guten wandelte.

Mutterschaften

Bei Diskussionen über Mutterschaft fühlte ich mich lange Zeit aussen vor. Ich habe keine Kinder und bin nicht unglücklich darüber.

Meine Mutter pflegte während meiner pubertären Schübe jeweils zu rufen: „Du wirst nochmals an mich denken, wenn du selber Kinder hast! Ha!“ Vor einigen Monaten geriet ich in eine hitzige Diskussion mit einer sehr jungen Person. Plötzlich kamen mir Mutters Worte wieder in den Sinn.
„Ja, Mutter“, so dachte ich, „du hast recht. Ich entkomme dir nicht!“

Schon mit dreissig Jahren war ich in einer ähnlichen Situation. Meine Mutter, schwerkrank im Pflegeheim, Leberzirrhose, konnte sich kaum bewegen. Sie hatte einen Wasserbauch. Ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Die Pflegende rief mich an, weil meine Mutter unbedingt abhauen und „Autostöppeln“ wollte. Sie war durch nichts und niemanden zu bremsen. Also musste ich, die Tochter mit ihr reden.

Das Gespräch dauerte nicht lang, doch ich bemerkte sofort, dass meine Mutter nicht mit mir, der Tochter, sondern mit meiner Oma redete. Sie benahm sich wie ein Teenager und war recht angriffig. Ich blieb ruhig und konnte meine Mutter so abhalten, „abzuhauen“. Danach weinte ich.

Da war die Arbeit an meinen Büchern. Das erste Buch war eine schwere Geburt und ich war umso stolzer, als es da war. Das zweite Buch hingegen war leicht. Ich war nicht angestrengt und überglücklich, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt. Jeder, der schreibt, weiss, dass der Prozess des Schreibens viel von einem abverlangt. Das Resultat ist das, was am Ende zählt.

Eine weitere Mutterschaft erlebte ich mit Omi. Die letzten Jahre ihres Lebens wurde sie kindlicher und ich fühlte mich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Oftmals sah sie in mir ihre Mutter. Am Ende ihres Lebens konnte sie nicht mehr sprechen und ich hatte den Eindruck, als würde ich nun ein sehr altes und gleichzeitig junges Lebewesen loslassen müssen.

Mutterschaft ist eine relative Sache. Man braucht dafür weder Geschlechtsorgane noch Babywindeln. Man braucht nur ein Herz.

Wut

Ich sah heute auf Facebook den Anfang eines Videos, in dem eine weinende ältere Frau zu sehen war. Das Video stammte von einer amerikanischen Alzheimer-Seite. Ganz im Ernst? Es hat mir wehgetan und mich stinksauer gemacht.

Ich glaube nicht daran, dass wir Angehörigen das Leiden unserer demenzkranken Eltern, Grosseltern oder Partner vermitteln können, indem wir einfach jene Momente filmen, in denen es ihnen schlecht geht. Es ist entwürdigend, so wie die ganze Krankheit entwürdigend für einen Menschen sein kann.

Man(n) hat mir mehr als einmal vorgeworfen, ich würde „zu intim“ über die Krankheit schreiben. Im Gegensatz zu einer Filmaufnahme sind meine Texte nur Wörter. Es sind meine Worte und die Art und Weise, wie ich ihre Krankheit wahrnahm und verarbeitete. Aber es zeigt nicht auf, wie es ihr wirklich ging, was sie sagte oder ausdrückte.

Es gab viele Situationen, in denen Omi weinte, verzweifelt war oder aber schimpfte, weil sie nicht mehr einordnen konnte, was um sie herum passierte. Das letzte und abgefuckteste, was man in einer solchen schlimmen Situation einem Menschen antun kann, ist, eine Handykamera aufs Gesicht zu halten und zu filmen.

Der menschliche Kontakt, die Kommunikation, die Liebe macht uns zu dem, was wir sind. Das bleibt und das hilft schlussendlich auch, wenn ein Mensch alles vergisst.

Ein Jahr später

Meine Omi ist ein Jahr tot. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, so wie es Omi auch getan hätte. An Dienstagen mag ich nicht frei nehmen. Unser Tag war der Mittwoch.

Abends schaute ich Game of Thrones. Omi hätte es geliebt.
Mehr als einmal musste ich in den letzten Tagen an sie denken, als sie mir in den 80ern in bunten Worten die Handlung von „California Clan“ erklärte und ich nichts verstand. („Den Typen dort mag ich nicht. Der ist mir zu schön. Und den anderen mag ich auch nicht. Der ist einfach ein Schofseckel.“)
Heute ist das anders.

Ich habe heute morgen nur einmal kurz geweint, als diesen Song hörte.
Es ist seltsam, das zu schreiben, aber ich weiss, Omi ist wohlbehalten.
Alles wird so werden, wie es muss.

Manchmal

Morgen ist Opi Walter 21 Jahre tot. Omi ist am Dienstag ein Jahr tot. Ich vermisse meine Grosseltern sehr. Mir fehlen ihre Stimmen, ihre Umarmungen, ihr Geruch.

Omi und Opi haben sehr viel miteinander gestritten. Sie schrien sich an, verfluchten sich, riefen einander wüsteste Schlötterlig nach, die ich so gar nicht mehr wiedergeben kann und will.

Es gab Tage in den Ferien bei den beiden im Toggenburg, wo Omi wütend in die Stube trat und sagte:
Kinder, euer Opa spinnt total! Der hat sie nicht alle.
Dann stampfte sie wieder zurück in den Garten.

Zehn Minuten später trat Opi in die Stube, wo wir spielten und sprach mit der Pfeife im Mund:
Kinder: Eure Omi hat sie nicht alle! Die spinnt echt!
Und dann ging er wieder runter in den Keller in seine Werkstatt und arbeitete weiter.

Heute nachmittag musste ich an einen Dialog denken, den Omi und ich vor vielen Jahren führten. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt:

– Omi, wenn dich Opi so sehr nervt, warum lässt du dich dann nicht scheiden?
– Dein Opi spinnt total. Aber deshalb lasse ich mich doch nicht scheiden.
– Ja, aber wenn er dich nervt?
– Dein Opi spinnt. Dagegen kann man nichts sagen. Aber weisst du was. Ich spinne
auch. Manchmal.

Omi, Opa, wo immer ihr beiden jetzt auch seid: ihr fehlt. ❤