der goldene Busch

Reisegedanken

Ich weiss nicht, wie oft Omi und ich von Lichtensteig aus mit dem Zug nach St. Gallen gefahren sind. Die Reise durch Wälder, Nagelfluhlandschaften und die Sicht in die Ferne, kurz vor Herisau war für mich immer ein riesiges Erlebnis. Omi erzählte Geschichten, verpflegte mich und meine Schwester mit Süssigkeiten und bestaunte mit uns all die Dörfer auf unserer Fahrt.

Heute fahre ich diese Strecke alleine. Ich muss ganz fest an Omi denken, denn sie fehlt mir gerade bei dieser Reise sehr. Wir sind vor langer Zeit das letzte Mal gemeinsam mit dem Zug gefahren. Sie war vor über fünf Jahren nicht mehr gut zu Fuss und ich holte sie für Einkaufstouren einfach mit dem Auto ab.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter, ihrer Tochter, sind wir gemeinsam mit einem Reisecar an den Weihnachtsmarkt in Ulm gefahren. Das Gefühl, das ich damals empfand, das ist unsere letzte gemeinsame Reise, hat mich nicht betrogen.

Beim Gedanken an Omi fühle ich, noch immer eine grosse Leere. Mir scheint, als wäre ein Teil meines Herzens verbrannt. Der Schmerz, die Trauer um Omi, sitzt tief. Ich vermisse sie.

Die Wälder ziehen an mir vorüber. Mein Blick fällt bei Mogelsberg auf alte Häuser. Ich muss an mein eigenes Haus denken, das auch sehr alt ist. Dann denke ich: Omi ist noch immer bei dir. Sie ist in den Mauern, den Möbeln und vor allem im Garten. Ich freu mich auf ihre Tulpen und die Rosen, die sie vor vielen Jahren neu gepflanzt hat. Der Frühling war Omis Lieblingsjahreszeit.

Satt

Ich sitze da, derweil meine Gedanken kreisen.
Ich muss an Omi denken.
Sie fehlt mir.
Ich klammere mich an meine Erinnerungen.
Ihre Stimme.

Sascha und ich haben keine Kinder. Aber in den letzten Jahren ist Omi zum Mittelpunkt unseres Lebens geworden. Geht es ihr gut? Ist sie glücklich? Wie weiter?
Wir haben oft gescherzt: wenn andere ihre Babyfotos zeigen, so holen wir ein Bild von Omi hervor.
Sie war eine der Quellen unserer alltäglichen Freuden.
Ihr fröhliches Wesen, ihre liebe Stimme, ihre freundlichen Augen.

Ich habs nicht geschafft, am Samstagabend in den Gottesdienst zu gehen.
Ich schäme mich.
Ich kann nicht beten.
Die Tatsache, dass sie seit einem Monat tot ist, lähmt mich.

Ich schaffe es nicht, an die Fasnacht zu gehen.
Jegliche Gesellschaft ermüdet mich.
Ich will mich in meinen Tränenkokon zurückziehen.
Lesen. Schreiben. Das interessiert mich.
Reden ist zweitrangig.

Ich bin müde.
Habe Sehnsucht nach dem Frühling.
Ich brauche Blumen. Farben.
Ich bin schneesatt.

So unsagbar

Omi ist jetzt einen Monat tot.
Ehrlich gesagt kommt es mir vor, als wäre es vor Jahrzehnten passiert. Oder gar nicht.
Ich vermisse sie so sehr.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, sie im Pflegeheim zu besuchen. Nur kurz reinschauen.
Dann fällt mir schmerzhaft ein, dass sie nicht mehr da ist.
Ich möchte so gerne ihre Fotoalben durchblättern. Aber dann fange ich wieder an zu weinen. Ich habe ihr liebes Gesicht ohnehin in meinem Herzen. Ihre Stimme fehlt mir so sehr. Ihr Lächeln. Das Streicheln ihrer zarten, langen Hände.

Schön sind die Begegnungen mit all jenen Menschen, die auch gerade jemanden verloren haben. Da braucht es so wenige Worte und man fühlt sich zugehörig und versteht einander. Es entstehen wirklich tiefgründige Gespräche fernab von Sätzen wie: „Es ging ihr doch gut, dass sie sterben konnte.“ oder „Sei doch froh, dass sie nicht mehr leiden musste.“

Einmal mehr fährt es mir ein, wie speziell die Lage von uns Angehörigen von Demenzkranken ist: Wir trauern jahrelang um den Menschen, der uns langsam vergisst und doch am Leben ist. Und wenn sie dann einmal tot sind, dann versucht man uns zu trösten, indem man unsere Trauer klein redet.

Omi hat mich oft gefragt: „Schämst du dich meinetwegen?“ Meine Antwort war immer: „Nein!“ Das ist auch jetzt so. Ich kann nicht aufhören, über sie zu sprechen und zu schreiben. Ich bin so stolz auf sie. So glücklich, dass ich ihre Enkelin bin. So unsagbar traurig, dass sie gegangen ist.

Die Zauberin

Omi liebte es, Geschichten zu erzählen. Ich, die Enkelin, hörte fürs Leben gerne zu. Es waren nie grosse Romane, die sie zum Besten gab. Immerzu waren es die Geschichten unserer Familien, die Missgeschicke und Alltagserlebnisse, die Eheprobleme, die Geburten, die Todesfälle. Omi konnte aus dem Nichts etwas zaubern. Aus Leintüchern an der Wöschhenki wurde ein Schloss. Aus Karton eine Burg. Aus Tüchern ein Ballkleid. Jeder Spaziergang mit ihr wurde zu einer Weltreise. Omi konnte in allem Schönheit entdecken.

Als Omi demenzkrank wurde, drehte sich vieles um. Nun war plötzlich ich die, die wusste. Omi hörte zu ohne verstehen. Sie wunderte sich oft. Manchmal sagte sie: „Diese Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Ich kenne jemanden, dem das auch passiert ist.“
Jedes Mal, wenn wir im Pflegeheim vorbeischauten, erzählte sie uns ihre Erlebnisse. Nur leider schilderte sie diese in einer Sprache, die wir noch nicht verstanden.

Jetzt erzähle ich meine eigenen Geschichten und Omi kommt darin vor. Sie ist eine Erinnerung, die noch sehr präsent ist.

Meine Trauer um Omi erscheint mir wie eine schwarze Raupe, die sich langsam in einen Schmetterling aus weissen Federn verwandeln soll. Noch ist sie schwarz. Aber ich hoffe auf weiss.

Freiheit

Als ich noch sehr klein war und in Wängi lebte, kaufte Omi mir eine Schaukel.
Sie war grün und rot und aus Metall.
Ich habe diese Schaukel sehr geliebt und es gibt unzählige Fotos, wie ich darauf sitze und glücklich bin.

Irgendwann zogen wir weg, in ein anderes Dorf.
Omi konnte nun nicht mehr einfach in den Zug sitzen und uns besuchen.
Sie war länger unterwegs. Wir sahen uns seltener.
Auch die Schaukel blieb am alten Wohnort.

Ich hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden.
In Wängi waren meine Schwester und ich „frei“. Wir hatten Freunde.
Unser Bruder lag auf dem Friedhof und in der Nähe des Hauses, am Bach,
stand mein Tintenfischbaum.

Am neuen Wohnort wurde alles anders.
Wir lebten mit unseren Eltern auf dem Schulhausareal und hatten nichts eigenes mehr.
Wir mussten alles teilen.
Die Schaukel des Kindergartens durften wir zwar benutzen, aber wenn ein anderes Kind kam, mussten wir Platz machen und gehen. Wenn wir im Sandhaufen spielten, gehörten unsere Moules plötzlich allen Kindern.

Das wäre nicht mal schlimm gewesen.
Aber andere Kinder machten unsere Sachen aus Spass kaputt.
Wir waren schliesslich nur die Kinder des Hauswarts und keiner wäre auf die Idee gekommen, diese Kinder zur Rechenschaft für ihr Verhalten zu ziehen. Ich fühlte mich minderwertig.

Das gleiche passierte unseren Tieren.
Wenn jemand sich an unserer Katze störte, konnte er sie ohne weiteres treten.
Als einmal der Hund des Nachbarn erst unsere Laufenten und dann unsere Hühner riss, passierte nichts. Warum auch besass unser Vater, der Hauswart, die Frechheit, einfach Tiere zu züchten?
Unser Privatleben war gleich null, denn immer konnte irgendjemand bei uns vorbei schauen und uns stören. Weil wir auf dem Schulhausareal lebten, konnte jeder Lehrer und jede Lehrerinnen sehen, wann ich beispielsweise spielte. Hatte ich dann eine schlechte Note an einer Prüfung, bekam ich genau das zu hören.

In den Ferien gingen wir immer zu Omi Paula.
Dort waren wir wirklich frei. Keiner machte unsere Spielsachen kaputt. Keiner nahm sich das Recht raus, uns Kindern zu sagen, dass wir stören.

Insofern hat mich dieses Erleben politisch sehr geprägt.
Ich hänge nicht am Geld oder am Wohlstand.
Aber ich liebe meine Freiheit und ich schaue wie ein Heftlimacher,
dass keiner mir sagt, wie ich zu leben habe.
Omi war da genau gleich.

Schreibe.

Als ich nach Omis Tod ihre Sachen sortieren musste, fiel mir eine Kiste in die Hände.
Darin befanden sich Briefe und Postkarten, die ich Omi in den letzten Jahren geschrieben habe.
Es hat mich sehr berührt, dass sie alles von mir aufbewahrt hat.

Meine Kinderzeichnungen. Meine ersten Versuche als Schriftstellerin.
Ich war gerade mal sechs Jahre alt und schrieb mir die Buchstaben von der Seele.
Omi hat sich immer darüber gefreut und bestärkte mich darin, weiter zu machen.

Beim Durchschauen der Briefe und Karten entdecke ich mein eigenes Leben wieder.
Auf Ferienreisen oder Tagesausflügen schrieb ich Omi einige Zeilen.
Wenn ich irgendwo eine Postkarte mit einem Appenzeller Sennenhund sah, musste ich sie kaufen und sofort an Omi schicken. Omi liebte Hunde.

Auch ich habe Omis Briefe aufbewahrt.
Sie liebte es, auf kariertes Papier zu schreiben. Ihre Schrift war zart und edel.
Sie berichtete mir jeweils, wie es Opa und dem Hund ging.
Das tat sie auch lange nach deren Tod.

Beim Aufräumen im Haus entdeckte ich vor einigen Jahren einen Brief, den sie an meine Mutter geschrieben hat. Sie verfasste ihn wenige Tage nach dem Tod meines Bruders. Sie flehte meine Mutter darin an, nicht ihr Leben wegzuwerfen. Ich weiss nicht, ob meine Mutter diesen Brief je erhalten hat.

Nach Opas Tod schickte ich Omi jeden Freitag einen Brief oder eine Karte mit A-Post, damit sie am Samstag etwas Nettes zu lesen hat.
Dank der Unzuverlässigkeit der Post, manchmal kamen die Briefe am Mittwoch an, hörten wir irgendwann mit diesem Ritual auf.

Jetzt, wo Omi ist nicht mehr da ist, fehlt mir das Schreiben von Hand noch mehr als früher.
Dass ich die Dankesbriefe an die Trauergemeinde von Hand schreiben konnte, war befreiend.

Ich weiss nicht, ob Omi in ihren letzten Lebensjahren noch lesen konnte.
Aber das war mir egal.
Schreiben ist etwas, das man nicht nur mit den Händen tut und mit den Augen sieht.
Es ist Sprechen mit dem Herzen.
Der kurze Gedanke an den lieben Menschen ist wie eine Umarmung.
Sie ist zeitlos.

Stille Zustimmung

Hier oben liegt noch immer viel Schnee.
Die Vorstellung, dass Omis Asche jetzt im kalten Boden vergraben liegt,
erscheint mir sehr irreal.
Eine Woche ist es her seit ihrer Beerdigung.
Vor bald drei Wochen verstarb sie.

Im Alltag funktioniere ich.
Ich denke beim Arbeiten selten an sie.
Aber als ich bei der Heimfahrt kürzlich an einer alten Frau vorbei fuhr, die eine Jacke in der gleichen Farbe und demselben Schnitt trug wie Omi damals, fing ich einfach an zu weinen. Ich hielt an und fuhr zur Seite.
Die alte Frau blickte mich beim Vorbeigehen etwas seltsam an.

Omis Kisten stehen noch immer im kalten Zimmer.
Ich schaffe es nicht, sie auszuräumen.

Mamis Habseligkeiten standen damals über ein Jahr herum.
Es scheint mir, als würde das Wegräumen die stille Zustimmung
des Nichtmehrdaseins bedeuten.